29.08.2025
Die NRD geht den nächsten Schritt, um internationale Fachkräfte zu gewinnen.
Mit einem herzlichen „Bonjour!“ wurden kürzlich besondere Gäste im hessischen Mühltal begrüßt: Naïla Bali, die Leiterin des Instituts für Sonderpädagogik an der Universität Manouba, besuchte die Stiftung Nieder-Ramstädter Diakonie (NRD). Anlass des Treffens war die geplante Zusammenarbeit beider Einrichtungen. Ab Frühjahr 2026 werden vier frisch ausgebildete Fachkräfte aus Tunesien das Team der NRD verstärken.
Ein erster Blick auf den neuen Arbeitsplatz
Für Naïla Bali war es der erste Besuch in Deutschland. Die akademische Leiterin und Generaldirektorin des Instituts für Sonderpädagogik und Leiterin des Forschungslabors für Behinderung und soziale Benachteiligung an der Universität Manouba wollte sich persönlich ein Bild vom zukünftigen Arbeitgeber ihrer Schützlinge machen. Begleitet wurde sie von zwei Vertretern der Kader Foundation, einer gemeinnützigen Stiftung aus Frankfurt, die Fachkräfte, Studierende und Auszubildende aus außereuropäischen Ländern unterstützt. Mit dabei waren Karim Derouiche, der Geschäftsführer der Stiftung, sowie die Beiratsvorsitzende, die Frankfurter Soziologieprofessorin Lena Inowlocki. Beide hatten die Kooperation im engen Austausch mit dem pädagogischen Vorstand der NRD, Dr. Thorsten Hinz, vorbereitet.
Christian Gimbel, der bei der NRD für das Recruiting zuständig ist, hatte für die Gäste vor Ort ein vielseitiges Erkundungs- und Austauschprogramm mit Mitarbeitenden und Klient*innen vorbereitet. „Die Herzlichkeit der Menschen hier vor Ort beeindruckt mich sehr“, sagte Naïla Bali sichtlich bewegt. „Egal, wem ich begegne – alle strahlen viel Offenheit und Motivation aus. Man sieht, dass Inklusion hier gelebt wird.“ Susanne Blänkle-Löffler, die Leiterin der Mühltal-Werkstätten und Thomas Pröhl, der Leiter des Bildungshauses, stellten die verschiedenen Arbeitsbereiche der Mühltaler Werkstätten vor. Die Gäste zeigten sich beeindruckt von der Vielfalt und Struktur der Angebote. Beim Besuch der von Ute Peemöller geleiteten Autisten-Wohngruppe im Bodelschwinghweg entwickelten sich intensive Gespräche über den Betreuungsalltag: Wie ist der Tagesablauf organisiert? Wie funktioniert die Teamarbeit? Und wie gelingt die Kommunikation mit nonverbalen Klient*innen?
Geschichte mit Verantwortung
Ein Besuch der NRD ist auch eine Begegnung mit ihrer 125-jährigen Geschichte. NRD-Vorstand Christian Fuhrmann und Holger Wisch, Leiter des Personalmanagements, nahmen sich Zeit, um den Gästen die Entwicklung der Organisation zu erläutern. Dabei sprachen sie auch offen über die NS-Zeit, in der 450 Klient*innen der NRD Opfer der Euthanasie-Verbrechen wurden. „Solche offenen Gespräche über Vergangenheit und Verantwortung sind wichtig und schaffen Vertrauen“, darin waren sich alle Beteiligten einig. Gleichzeitig wurde auch die gesellschaftliche Entwicklung Tunesiens im Hinblick auf die Rechte von Menschen mit Behinderungen reflektiert.
Begegnung und Dialog
Beim Nachmittagsgespräch mit Fabien Muller, dem Leiter der Teilhabe Groß-Gerau, der auch die Auswahlgespräche mit den Studierenden geführt hatte, wurden kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten erörtert. „Die deutsche Kultur wirkt zunächst etwas distanzierter als die arabische“, so Muller, „doch in unseren Wohngruppen herrscht oft eine sehr familiäre Atmosphäre.“ Neben kulturellen Aspekten wurden auch ganz praktische Fragen besprochen. Wie gelingt die Integration der Fachkräfte vor Ort? Welche Hürden gibt es beispielsweise beim Umgang mit Behörden oder der Wohnungssuche? „Wir wissen, dass der Weg nicht ohne Herausforderungen ist“, räumte Christian Gimbel ein. „Aber wir werden unseren neuen Kolleg*innen mit Rat und Tat zur Seite stehen.“
Perspektiven für beide Seiten
Derzeit absolvieren die vier akademischen Fachkräfte ein Stipendienprogramm in ihrer Heimat, um ihre Deutschkenntnisse auf das erforderliche B2-Niveau zu bringen. Parallel dazu laufen die Vorbereitungen für die Anerkennung ihrer Qualifikationen in Deutschland. Auch institutionell tut sich etwas: Zwischen der tunesischen Hochschule und der Evangelischen Hochschule Darmstadt hat bereits ein erstes Gespräch über eine weitergehende Zusammenarbeit hinsichtlich gemeinsamer Projekte, Lehrpläne oder Praktika stattgefunden. Und nicht nur die NRD profitiert von dem neuen Studienangebot in Tunesien. Auch das diakonische Unternehmen Mission Leben, über das der Kontakt zustande kam, wird künftig eine tunesische Fachkraft beschäftigen. Dr. Thorsten Hinz betont: „Es wäre großartig, wenn sich im Rahmen der Kooperation ein interkulturelles Netzwerk entwickeln würde, um Inklusion über Ländergrenzen hinweg zu fördern.“
Ein Projekt mit Signalwirkung
Bereits 2024 betrat die NRD Neuland, als sie fünf junge Menschen aus Indien in die Ausbildung zur Heilerziehungspflege integrierte. Mit der Kooperation mit der Universität in Tunesien geht die NRD nun einen mutigen Schritt weiter. „Wir freuen uns auf die neuen Kolleginnen“, sagt Christian Gimbel abschließend. „Sie bringen nicht nur Fachwissen mit, sondern auch neue Perspektiven und kulturelle Vielfalt. Das bereichert unser Team – und unsere Arbeit.“ Auch Naïla Bali verlässt Deutschland mit einem guten Gefühl: „Ich habe gesehen, dass unsere Absolvent*innen hier nicht nur gebraucht, sondern auch wertgeschätzt werden. Das gibt mir ein gutes Gefühl.“
Titelfoto: Dreisprachiges
Kennenlernen – Austausch über Sprachgrenzen hinweg
v. l. hintere Reihe: Martin
Michel (Teilhabe Hessen), Holger Wisch (Personalmanagement), Lena Inowlocki (Kader Foundation), Christian Fuhrmann
(Vorstand), Karim Derouiche (Kader Foundation), vordere Reihe: Naïla Bali (Institut für Sonderpädagogik Manouba), Christian Gimbel (Recruiting)
© Stiftung Nieder-Ramstädter Diakonie
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