17.10.2025
Am 17. Oktober 1900 fand der feierliche Einweihungsgottesdienst des damaligen Viktoria-Melita-Stifts, der heutigen Nieder-Ramstädter Diakonie (NRD) statt. Doch ihre Geschichte beginnt lange davor: Die Grundlage, um Menschen mit Behinderungen mehr Aufmerksamkeit zu schenken, musste erst geschaffen werden.
Bereits um 1850 entstanden in Deutschland die ersten großen kirchlichen Anstalten, die soziale Herausforderungen mit der Nächstenliebe verband. So wurde die „Innere Mission“ als Vorläufer der Diakonie Deutschland im Jahr 1848 gegründet. Die Gründung vieler kirchlicher Einrichtungen gab Menschen mit Unterstützungsbedarf erstmals eine Stimme und trug zur Enttabuisierung des Themas bei. Auch der Zwingenberger Dekan Kirchenrat D. Christian Stromberger (1826-1900) erreichte, dass das Thema „Fürsorge für die Epileptischen“ bei jeder Tagung der Südwestdeutschen Konferenz zur Sprache kam. 1890 hielt Stromberger bei der 26. Jahresversammlung der südwestdeutschen Konferenz in Mannheim ein Referat über die „Fürsorge für Epileptische“. 1895 erlitt er einen Schlaganfall, Pfarrer Ernst Widmann (1853-1914) aus Darmstadt wurde Strombergers Nachfolger als Vorsitzender der epileptischen Kommission.
Meilenstein 1896: Kommission beschließt die Errichtung einer „epileptischen Anstalt“
Am 10. und 11. Juni 1896 tagte die 32. Jahresversammlung der Südwestdeutschen Konferenz in Darmstadt, an der auch Pfarrer Widmann mit der „Kommission zur Fürsorge für die hessischen Epileptiker“ teilnahm. Noch im selben Jahr, am 22. Juni 1896, beschloss die Kommission, eine „epileptische Anstalt“ zu errichten – zunächst nur für Kinder. Später hieß es dann, man solle dafür „ein nicht allzu großes, nahe bei Darmstadt gelegenes Gebäude mieten oder kaufen und darin unter Zuhilfenahme von Diakonissen erwachsene weibliche Epileptische verpflegen“.
1898 fand eine beratende Versammlung von Vertretern von Kirchen- und Staatsbehörden in Frankfurt zur Gründung einer „Anstalt für Epileptische in Hessen“ statt. Am 11. Juli 1898 rief Pfarrer Widmann erneut 50 Vertretern von Kirche- und Staatsbehörden dazu auf, sich an der Errichtung zu beteiligen. Diesmal forderte er ganz konkret die Gründung einer „Heil- und Pflegeanstalt für unsere epileptischen Kinder und Jugendlichen in Nieder-Ramstadt unter dem Protektorat Ihrer Königlichen Hoheit der Großherzogin Viktoria Melita“. In Nieder-Ramstadt wurde 1898 folgerichtig der Verein „Anstalt für Epileptische Kinder und Jugendliche im Großherzogtum Hessen“ gegründet – dessen Satzungsversammlung am 18. Dezember 1899 das offizielle Gründungsdatum der NRD „auf dem Papier“ markiert.
Bau des ersten Hauses und feierlicher Einweihungsgottesdienst
Von Juli 1899 bis zum September 1900 wurde dann das erste Haus des „Viktoria-Melita-Stifts“ in Nieder-Ramstadt gebaut – das spätere „Frauenhaus“, das 1955 zum Fliedner-Haus und 2009 niedergelegt wurde. An den ersten Namen der heutigen NRD erinnert heute noch die Stiftstraße. Konzipiert war das Gebäude zunächst für 35 Jungen und Mädchen. Der erste „Anstaltsleiter“ war der damals 35-jährige Pfarrer Theodor Weimar (1865-1935), ärztlicher Leiter war Dr. Philipp Ganß aus Ober-Ramstadt – beide sind im Zeitungsartikel vom 19.10.1900 erwähnt (siehe Foto).
Der Name „Viktoria-Melita-Stift“ änderte sich, als sich Viktoria Melita und ihr Mann im Jahr 1901 scheiden ließen – von nun an war es die „Epileptische Anstalt“ oder die „Anstalt für Epileptische“, bis dieser Name von den „Nieder-Ramstädter Anstalten“ abgelöst wurde. Ab 1939 waren es die „Nieder-Ramstädter Heime der Inneren Mission“, ab 1999 die „Nieder-Ramstädter Diakonie“.
Am 17. Oktober 1900 fand der feierliche Einweihungsgottesdienst statt, bei dem auch Großherzogin Viktoria Melita und ihr Mann, Großherzog Ernst-Ludwig, und viele Vertreter der Behörden anwesend waren. Das Losungswort des Gottesdienstes lautete: „Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft. Denn er ist mein Hort, meine Hilfe, mein Schutz, dass mich kein Fall stürzen wird, wie groß er ist.“ (Psalm 62, Vers 2 und 3).
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