20.04.2026
Ellen Kubica, Landesbeauftragte für die Belange der Menschen mit Behinderung in Rheinland-Pfalz, hat die Rheinhessen-Werkstatt (RHW) der NRD in Wörrstadt besucht. Vor Ort informierte sie sich ausführlich über das vielschichtige Angebot, das den Beschäftigten dort seit vielen Jahren gemacht wird.
„Das Thema Werkstätten ist ein Dauerthema“, eröffnete NRD-Vorstand Dr. Thorsten Hinz die Diskussion. Neben Werkstattleiter Benedikt Unterhalt nahmen auch Klient*innen sowie die Vorsitzende des Eltern- und Betreuerbeirats (EBBR), Ingrid Medler, daran teil. Dabei ging es um die anhaltende Kritik am „System Werkstatt“ – insbesondere hinsichtlich des vergleichsweisen geringen Entgelts und der mitunter wenig erfüllenden Tätigkeiten. Aber auch über die Werkstatt als wichtigen sozialen Teilhaberaum, als Einrichtung der beruflichen Rehabilitation und Strukturgeber für Menschen mit Unterstützungsbedarf wurde gesprochen.
Ellen Kubica betonte, dass die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) für sie „Basis und Leitschnur“ ihrer Arbeit sei. Sie plädiert dafür, Sonderstrukturen zu überwinden. Dr. Hinz äußerte zum Bundesteilhabegesetz (BTHG) als Gesetzesausdruck der UN-BRK, dass die Menschen stärker in den Fokus rücken müssen: „Wir sehen, dass für die Menschen noch nicht viel Sichtbares passiert ist. Im administrativen Bereich hingegen schon. Es gilt mehr denn je, genau hinzuschauen, um das Beste für die Klient*innen herauszuholen.“ Dem stimmte Ellen Kubica zu: „Eine gelungene Eingliederungshilfe kann auch Kosten sparen. Ein Zugewinn an Selbstständigkeit der Menschen entlastet das System.“ – „…und stärkt die Gesellschaft!“, ergänzte Dr. Hinz.
Benedikt Unterhalt machte deutlich, dass das oberste Ziel der RHW stets die Vermittlung der Beschäftigten auf den Allgemeinen Arbeitsmarkt ist. „Wir handeln nach dem Motto ‚Nicht über uns ohne uns‘ und stehen in engem Austausch mit dem Werkstattrat und der Frauenbeauftragten. Mit beiden Gremien besprechen wir regelmäßig die anstehenden Themen und wollen dabei immer so transparent wie möglich sein.“ Unterhalt, kürzlich erneut in den Vorstand der Landesarbeitsgemeinschaft behinderte Menschen Rheinland-Pfalz e. V. (LAG WfbM RLP) gewählt, betonte zudem die enge Zusammenarbeit mit anderen Werkstätten und Tagesförderstätten in der Region.
Eine große Herausforderung sieht Ingrid Medler darin, dass sich viele Klient*innen nicht oder nur sehr schwer äußern können. „Da Ressourcen zu schaffen und zu unterstützen, ist eine echte Herausforderung für die Mitarbeitenden, aber unbedingt zu leisten“, sagt sie. Benedikt Unterhalt und sein Team wissen um diese Herausforderung und fördern die Wünsche der Beschäftigten, in den Ersten Arbeitsmarkt wechseln zu wollen.
„Wunsch- und Wahlrecht hat Grenzen!“
Doch Wünsche und die Wirklichkeit klaffen oft weit auseinander, was die beiden Beispiele der RHW-Beschäftigten Krissie Hawel und Harald Schulten verdeutlicht. Sie berichteten Ellen Kubica von ihren persönlichen Erfahrungen. „Ich möchte unbedingt auf den Ersten Arbeitsmarkt, am liebsten in die Musikbranche“, erklärte Krissie Hawel. „Ich interessiere mich auch fürs Kochen und für Mode und kann gut organisieren. Ein Job im Radio oder Fernsehen wäre perfekt.“ Die RHW unterstützt sie hierbei mit verschiedenen Fortbildungsmaßnahmen. Sie selbst sieht in einer eigenständigen Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel kein Problem, aber ihre Einschränkungen in der Mobilitätskompetenz und im Arbeitsverhalten lassen diesen Sprung aktuell noch nicht zu.
Ihr Kollege Harald Schulten war bereits auf dem Ersten Arbeitsmarkt tätig – und möchte nicht zurück. „Es war sehr stressig“, blickte er zurück. „Ich wurde krank und war froh, wieder in der Werkstatt zu sein.“ Dort konnte er behutsam wieder aufgebaut werden und ist heute ein stabiles Mitglied der RHW. „Ich habe festgestellt, dass ich lieber hierbleiben möchte“, betonte er.
Am Ende des konstruktiven Austauschs, bei dem noch viele weitere Themen wie die hohe Bürokratie oder fehlende Statistiken hinsichtlich valider Zahlen besprochen wurden, herrschte Einigkeit: Es bleibt immer das erste Ziel einer Werkstatt, die Beschäftigten in den Ersten Arbeitsmarkt zu bringen. Nicht alle Werkstatt-Beschäftigten werden aber diesen Sprung schaffen, da der Allgemeine Arbeitsmarkt nicht inklusiv gestaltet ist. EBBR-Vorsitzende Ingrid Medler brachte es auf den Punkt: „Das Wunsch- und Wahlrecht hat Grenzen. Möchte ein Klient oder eine Klientin ins Budget für Arbeit wechseln, erfüllt aber nicht die Anforderungen des Ersten Arbeitsmarktes, muss die Werkstatt ihren pädagogischen Auftrag erfüllen – mit viel Einfühlungsvermögen und Ehrlichkeit. Genau das leisten die Mitarbeitenden der RHW – und das sehr gut!“
Zur Person
Ellen Kubica ist seit November 2023 Landesbeauftragte für die Belange der Menschen mit Behinderungen in Rheinland-Pfalz. Davor leitete sie das Projekt „Empowerment zur Selbstvertretung“ beim Bildungs– und Forschungsinstitut zum selbstbestimmten Leben Behinderter (bifos e.V.). Von 2017 bis 2022 war sie als Seminarkoordinatorin bei Campus der gpe Mainz gGmbH tätig und leitete davor zweieinhalb Jahre das vom Weiterbildungsministerium Rheinland-Pfalz geförderte Projekt „Gleichwertige Teilhabe von Menschen mit Behinderungen an Weiterbildungsangeboten“ an der vhs Mainz. Ellen Kubica ist in Wiesbaden aufgewachsen. Sie studierte an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz Amerikanistik, Politikwissenschaft und Ethnologie. Von 2008 - 2010 studierte sie an der Georgia State University in Atlanta, USA. In dieser Zeit erlebte sie als Rollstuhlfahrerin die Vorzüge eines weitgehend barrierefreien öffentlichen Raumes. Ehrenamtlich ist sie seit vielen Jahren in der Selbstvertretung von Menschen mit Behinderungen aktiv.
(Quelle: https://behindertenbeauftragte.rlp.de)
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