01.07.2026
Im November 2021 fiel in der Nieder-Ramstädter Diakonie (NRD) im Bereich Soziale Teilhabe der Startschuss für das Projekt „ExtraZeit – Du mit uns“ (kurz: „ExtraZeit“). Dabei handelt es sich um ein Modell, das so in der Umgebung seinesgleichen sucht und seither eine enorm hohe Nachfrage verzeichnen kann. Die Idee dahinter: Menschen mit Unterstützungsbedarf in ganz unterschiedlichen Bereichen ihres Lebens eine Extra-Zuwendung ermöglichen. Durch eine Förderung der Aktion Mensch konnte das, was zunächst nur eine Vision auf dem weißen Blatt war, schließlich umgesetzt und mit Leben gefüllt werden.
Vom Förderprojekt zum eigenen Bereich
Wenn man Annette Schultheiß fragt, was „ExtraZeit“ ausmacht, sprudelt es nur so aus ihr heraus. Kein Wunder, denn die 59-Jährige hat das Projekt aufgebaut und erfolgreich ans Laufen gebracht. Ende Oktober dieses Jahres endet die Förderung der Aktion Mensch und Annette Schultheiß kann mit Stolz feststellen: Das Projekt ist zu einem eigenen Bereich innerhalb der NRD gewachsen und trägt sich jetzt selbst.
Assistenz dort, wo sie gebraucht wird
Doch was genau macht „ExtraZeit“? „Unsere Angebote sind so vielfältig, dass ich das kaum in einem Satz zusammenfassen kann“, sagt Annette Schultheiß (Leiterin Ambulante Teilhabe in Rheinland-Pfalz). „Im Kern bieten wir Menschen mit Unterstützungsbedarf dort Assistenzleistungen an, wo sie es gerade brauchen. Einer unserer Schwerpunkte liegt beispielsweise darauf, junge Erwachsene, die noch zuhause leben, beim Übergang vom Elternhaus in eine andere Wohnform zu unterstützen.“
Dazu gehört nicht nur gemeinsam herauszufinden, welche Wohnform die passende sein könnte, sondern auch, Kompetenzen aufzubauen, die für das neue Lebensmodell der jungen Menschen essenziell sind. „Wir unterstützen zum Beispiel dabei, sich im Sozialraum zurechtzufinden, üben das Bus- und Bahnfahren, wie man einkaufen geht und überhaupt, wie man den Alltag und dabei auch die Freizeit strukturiert“, beschreibt die Leiterin der Ambulanten Teilhabe. Hierzu hat sie in der Umgebung ein Netzwerk gesponnen und Kooperationen geknüpft – etwa mit dem Wörrstädter Fußballverein, der ein Trainingsangebot für Menschen mit und ohne Unterstützungsbedarf bereithält. Das hilft nicht nur den jungen Menschen in ihrer neuen Umgebung Fuß zu fassen, sondern bringt auch noch eine extra Portion Inklusion mit sich.
Ausflüge, Freizeit und gemeinsame Erlebnisse
Doch das ist nur ein Ausschnitt des Portfolios, das „ExtraZeit“ bietet. Auf dem Plan stehen auch besondere Ausflüge, die Menschen mit Behinderung so nur schwer erleben könnten – etwa ein Besuch im Mainz 05-Stadion, eine Fahrt in den Mainzer Volkspark, zum Billardspielen, zum Fastnachtfeiern oder ins Nähstudio. Ein Highlight im Bereich Freizeitgestaltung sind zudem immer wieder auch die gemeinsamen Kurzurlaube ins Sonnenscheinhaus Christophorus – einem behindertenfreundlichen Ferienhaus, das die NRD im Odenwald betreibt.
Zugang zu „Extra Zeit"
Doch wie kommen Menschen mit Unterstützungsbedarf überhaupt in den Genuss von „ExtraZeit“? Auch hier kommt Annette Schultheiß wieder ins Spiel. Zu ihren Aufgaben gehörte es, gerade zu Beginn des Projektes, ein passendes Konzept zu erstellen, das an die zuständigen Kostenträger geschickt wurde. Lange Überzeugungsarbeit musste sie dabei oft nicht leisten – das Konzept wurde gut angenommen und ist den Kostenträgern inzwischen ein fester Begriff. Die Klient*innen können dort Leistungen von „ExtraZeit“ beantragen und dann Assistenzleistungen bis zu viereinhalb Stunden pro Woche für ihren individuellen Bedarf erhalten – je nach dem, was der Kostenträger gemeinsam mit dem Klienten oder der Klientin festlegt. So sind bis zum heutigen Tag bereits rund 100 Klient*innen durch „Extra Zeit“ unterstützt worden. Die unterschiedlichen Bedarfe der Klient*innen spielen dabei keine Rolle. Das Angebot hält Assistenzleistungen für alle Klient*innen bereit.
Ein wachsendes Team
Bei diesen Zahlen leuchtet es ein, dass Annette Schultheiß, dies nicht allein stemmen kann. Im Laufe der Zeit ist die Nachfrage von Klient*innen immer weiter gestiegen und so galt es auch neue Mitarbeiter*innen für den Bereich zu finden. Mittlerweile hat die 59-Jährige ein 25-köpfiges Team aufgebaut – das künftig noch erweitert werden soll. „Wir sehen, dass ‚ExtraZeit‘ nicht nur von den Klient*innen sehr gut angenommen wird, sondern auch von neuen Mitarbeiter*innen. Viele kommen nur deshalb zu uns, weil sie die Haltung unseres Projektes, das ganz besonders klientenzentriert ist, sehr gut finden“, erklärt sie und ergänzt: „Außerdem bieten wir auch Kombi-Stellen an, sodass Mitarbeiter*innen auch noch in einem weiteren Bereich der NRD arbeiten können – je nachdem, welches Stundenkontingent etwa gewünscht ist.“
Erfolgsgeschichten aus der Praxis
Dass „ExtraZeit“ nicht nur eine Erfolgsgeschichte für Annette Schultheiß und die NRD ist, sondern für jeden einzelnen Klienten, zeigen verschiedene Beispiele. So erinnert sich Schultheiß beispielsweise an eine Klientin zurück, die Schwierigkeiten in Prüfungssituationen hatte. Dank des zuständigen Extra-Zeit-Mitarbeiters hat sie gelernt, wie sie mit verschieden Aufgabentypen in Prüfungen umgehen kann und so ihre Ausbildung zur Schwesternhelferin erfolgreich abgeschlossen. Ein anderer Klient wiederum hat durch die Unterstützung von „ExtraZeit“ eine so tolle Entwicklung gemacht, dass er inzwischen fast eigenständig wohnen kann. „Er ruft mich auch heute, Jahre später, immer noch regelmäßig an, um mir zu berichten, wie gut es ihm geht. Das zeigt mir, dass wir etwas richtig gemacht haben“, freut sich Annette Schultheiß.
Auf dem Erfolg ausruhen, ist ihre Sache aber nicht – sie ist eine Macherin und hat noch viele Pläne. Eines ihrer Ziele: Menschen mit Unterstützungsbedarf dabei zu helfen, den Führerschein zu machen. „Dieses Angebot möchte ich unbedingt noch etablieren“, so die Leiterin der Ambulanten Teilhabe in Rheinland-Pfalz mit Blick in die Zukunft.
Bild oben: ExtraZeit ermöglicht zahlreiche Angebote, zum Beispiel verschiedene Gruppenausflüge
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