Fachtag „Prävention gegen sexualisierte Gewalt“ erfolgreich beendet

17.09.2026

Fachtag „Prävention gegen sexualisierte Gewalt“ erfolgreich beendet

Wie können Fachkräfte sexualisierte Gewalt bei Kindern frühzeitig erkennen? Welche Strategien nutzen Täter – und wo finden Betroffene und Fachkräfte Unterstützung? Mit diesen Fragen beschäftigte sich der Fachtag „Prävention gegen sexualisierte Gewalt“, den die NRD im Rahmen der Reihe #AktionSchutzschild gemeinsam mit dem Polizeipräsidium Südhessen und dem Netzwerk gegen Gewalt am 2. September 2026 in Zwingenberg veranstaltete.

Der Saal der Kirchengemeinde Zwingenberg war bis auf den letzten Platz gefüllt: Rund 90 Menschen kamen, um Wissen zu vertiefen, Erfahrungen auszutauschen und Netzwerke zu stärken. Darunter waren Kolleg*innen aus den NRD-Geschäftsbereichen Kinder, Jugend und Familie sowie der Teilhabe, die mit jungen Menschen und ihren Familien arbeiten. Lehrkräfte aus schulischen Kooperationsprojekten und weitere Partner aus der Ambulanten Sozialen Teilhabe nahmen ebenso teil wie Schutzmänner- und -frauen der Polizei. Anna Nolle aus dem NRD-Referat Innovation und Qualität war Teil des Planungsteams.

„Wachsam sein und Sicherheitslücken schließen“

Christian Vögele, Polizeipräsident des Polizeipräsidiums Südhessen, eröffnete den Fachtag persönlich. Angesichts einer zunehmend internationalen und vernetzten Welt sei es umso wichtiger, aufmerksam und wachsam zu bleiben. Im Mittelpunkt stehe der Schutz der Schwächsten – insbesondere der Kinder und Jugendlichen. „Schutzpersonen müssen dringend sensibilisiert werden“, betonte Vögele. Es gelte, Sicherheitslücken zu schließen, Schutzkonzepte kontinuierlich weiterzuentwickeln und Fachkräften bei Verdachtsfällen größtmögliche Handlungssicherheit zu geben. Die Kooperation zwischen Polizei und NRD sei dafür besonders wertvoll.

Auch Benjamin Henne, Leiter der Polizeidirektion Bergstraße, unterstrich die Bedeutung des Themas. Die Entwicklung der Fälle sexualisierter Gewalt an Kindern sei besorgniserregend. Gleichzeitig sei der Umgang mit einem Verdacht besonders sensibel. „Kinder benötigen ganz besonderen Schutz!“, so Henne.

v.l.: Polizeipräsident Christian Vögele, Johannes Hoffmann (Regionaler Jugendkoordinator der Polizeidirektion Bergstraße, er moderierte den Tag), Benjamin Schäfer (NRD), Anja Nolle, Janina Hallstein, Daniel Bialon (NRD), Benjamin Henne, Manuela Tollerian
v.l.: Polizeipräsident Christian Vögele, Johannes Hoffmann (Regionaler Jugendkoordinator der Polizeidirektion Bergstraße, er moderierte den Tag), Benjamin Schäfer (NRD), Anja Nolle, Janina Hallstein, Daniel Bialon (NRD), Benjamin Henne, Manuela Tollerian

Vier Perspektiven auf ein komplexes Thema

Wie unterschiedlich die Zugänge zum Kinderschutz sein können, zeigten anschließend vier Fachvorträge. Den Auftakt machte der Diplom-Sozialpädagoge Ingo Droll. Mit anschaulichen Einblicken in die Funktionsweise des menschlichen Gehirns erklärte er, wie Erfahrungen die Entwicklung prägen und welche weitreichenden Folgen traumatische Erlebnisse für junge Menschen haben können. Seine zentrale Botschaft: „Unser Gehirn entwickelt sich erfahrungsabhängig!“

Dr. med. Markus Freff, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und Oberarzt an der Kinderschutzmedizinischen Ambulanz, richtete den Blick anschließend auf medizinische Anzeichen von Misshandlung, Vernachlässigung und Missbrauch. Anhand eindrücklicher Beispiele zeigte er, wie Gewalt sichtbar werden kann und welche Formen von Vernachlässigung es gibt. Dabei machte er deutlich: Sexualisierte Gewalt muss nicht mit körperlicher Berührung verbunden sein. Freff betonte, dass alle Menschen, die mit Kindern, Jugendlichen und Menschen mit Behinderungen arbeiten, über grundlegende Fachkenntnisse verfügen sollten, um Gewalt möglichst früh zu erkennen und wirksam zu handeln. Auch aktuelle Zahlen des Bundeskriminalamts verdeutlichten die Dimension des Problems: Für 2023 wurden 16.375 Fälle des sexuellen Missbrauchs von Kindern gemeldet – 2019 waren es 13.670.

Dr. Markus Freff hielt einen sehr mitreißenden Vortrag.
Dr. Markus Freff hielt einen sehr mitreißenden Vortrag.

Anschließend gaben Tina Antoni und Jeanine Lautz vom Polizeipräsidium Südhessen Einblicke in Täterstrategien, strafrechtliche Aspekte und Möglichkeiten der Prävention. Sie erläuterten außerdem, wie Fachkräfte bei einem Verdacht handeln können: Aussagen ernst nehmen, Kinder erzählen lassen, sie nicht durch suggestive Fragen verunsichern und bei Bedarf Polizei und Jugendamt einschalten. Auch der polizeiliche Opferschutz war Thema.

Besondere Aufmerksamkeit für Menschen mit Behinderung

Den Abschluss bildete Alexandra Habdank, Leiterin des Hessischen Koordinationsbüros für Frauen mit Behinderung (HKFB). Sie machte deutlich, dass Menschen mit Behinderung besonderen Barrieren und Abhängigkeiten ausgesetzt sein können, die Gewalt begünstigen oder deren Aufdeckung erschweren. So werde Frauen mit Körperbehinderungen teilweise nicht geglaubt, weil ihnen sexuelle Attraktivität abgesprochen werde. Frauen mit kognitiven Beeinträchtigungen wiederum würden mitunter als selbst „distanzlos“ dargestellt. Solche Zuschreibungen können dazu beitragen, Gewalt zu relativieren.

Habdank stellte Untersuchungsergebnisse zu Tatpersonen und Tatkontexten vor und verwies insbesondere auf institutionelle Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse. Nicht ausreichend gelebte Gewaltschutzkonzepte, Abhängigkeiten vom Personal und Barrieren im Hilfesystem könnten Schutz erschweren. Ihre Forderungen: Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse abbauen, über Rechte und Unterstützungsangebote informieren, Gewalt in Schulen und Einrichtungen stärker thematisieren und Sexualpädagogik einen größeren Stellenwert geben. „Es braucht mehr Selbstbestimmung!“, so Habdank.

Gemeinsam für mehr Handlungssicherheit

Zum Abschluss bedankte sich das Planungsteam – Janina Hallstein vom Netzwerk gegen Gewalt und Manuela Tollerian vom Polizeipräsidium Südhessen sowie NRD-Mitarbeiterin Anna Nolle – bei den Teilnehmenden. Das Publikum sei „so aufmerksam gewesen, wie wir es noch nie erlebt haben“. Anna Nolle sagte abschließend: „Heute haben sich gute, persönliche Kontakte zwischen der NRD und den im Landkreis zuständigen Personen ergeben.“

Der Fachtag zeigte eindrücklich: Wirksamer Kinderschutz braucht Wissen, Aufmerksamkeit und klare Handlungsmöglichkeiten – und vor allem Menschen, die hinschauen, zuhören und gemeinsam Verantwortung übernehmen.

Beratungsstellen:

Hotlines:

Auf dem Fachtag stellten sich auch diese vier Beratungsstellen vor: Darmstädter Hilfe, Wildwasser, ProFamilia und Weißer Ring.
Auf dem Fachtag stellten sich auch diese vier Beratungsstellen vor: Darmstädter Hilfe, Wildwasser, ProFamilia und Weißer Ring.

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