27.01.2026
In einer eindrucksvollen Gedenkveranstaltung erinnerten zahlreiche Menschen an die vom nationalsozialistischen Regime ermordeten Opfer der ehemaligen „Nieder-Ramstädter Heime“. Die NRD hatte anlässlich des Tags des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus zum Buch-Gedenkstein an der Lazaruskirche eingeladen.
Der 27. Januar, der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, ist in Deutschland seit 1996 ein gesetzlich verankerter Gedenktag. An diesem Tag 1945 befreiten Soldaten der Roten Armee die Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau, des größten Vernichtungslagers des NS-Regimes. Der Gedenktag wurde am 3. Januar 1996 durch eine Proklamation von Bundespräsident Roman Herzog eingeführt und auf den 27. Januar festgelegt.
Herzog erklärte damals: „Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.“
NRD setzt sichtbare Zeichen der Erinnerung
Auch die NRD gedachte der über 600 Menschen, die aus den ehemaligen Nieder-Ramstädter Heimen verschleppt und von denen 450 Opfer ermordet wurden. Am Buch-Gedenkstein in Nieder-Ramstadt versammelten sich rund 60 Personen, um an die Opfer zu erinnern. Dieser Stein, der anlässlich des 100-jährigen Bestehens der NRD im Jahr 2000 vor der Lazaruskirche errichtet wurde, enthält symbolisch die Namen der Verschleppten in Form von „Transportlisten“, die in das steinerne Buch eingraviert sind.
Doch nicht nur der Buch-Gedenkstein ist ein Mahnmal der Erinnerung. Auch eine Straße vor der Kindertagesstätte am Dornberg trägt den Namen eines von den Nazis ermordeten Mädchens: der Elsa-Eislöffel-Weg. NRD-Vorstand Christian Fuhrmann sagte damals dazu: „Es ist gut, dass dieses Schild hier steht. Wahrscheinlich wäre die heutige Elsa eines von vielen Kindern in der Kita am Dornberg.“
Die Geschichte von Ludwig Georg Klingenschmitt
Während der Gedenkfeier erinnerte NRD-Diakonin Beate Braner-Möhl an den ehemaligen Klienten Ludwig Georg Klingenschmitt, der 1941, kurz vor seinem 19. Geburtstag, in Hadamar ermordet wurde – von den Nationalsozialisten als „lebensunwertes Leben“ angesehen. Ludwig Klingenschmitt, geboren am 25. März 1922 in Alzey, kam am 31. Oktober 1933 in die Nieder-Ramstädter Heime. Ein Bild zeigt ihn als 14-Jährigen vor der Lazaruskirche in Nieder-Ramstadt. Am 25. Februar 1941 verabschiedeten sich seine Eltern von ihm, ohne zu wissen, dass es das letzte Mal sein würde. Am 18. März 1941 wurde er mit einem der berüchtigten „grauen Busse“ abgeholt und nach Hadamar gebracht, wo er vermutlich noch am selben Tag vergast wurde. Im April 1941 erhielt sein Vater einen Brief des Sonderstandesamtes der Heil- und Pflegeanstalt Hadamar, die als Tötungsanstalt für den „Gnadentod“ von Menschen mit Behinderung mit Gaskammer und Verbrennungsöfen ausgestattet war. Darin hieß es: „Ihr Sohn ist nun zu unserem großen Bedauern am 30. März 1941 plötzlich und unerwartet an akuter Hirnhautentzündung verstorben.“
„Die Grausamkeiten geschahen mit dem Ziel, sogenanntes „lebensunwertes Leben“ zu verhindern und zu vernichten. Menschen wurden als „Ballastexistenten“ und als „nutzlos“ für die Volksgemeinschaften stigmatisiert. Sogenannte „Pflegekosten“ bezeichneten den Wert eines Menschen und entschieden darüber, ob jemand ermordet wurde. In aktuellen politischen Debatten um die Finanzierung von Sozialleistungen sollten wir uns immer bewusst machen, wie schmal der Grat ist, Menschen als „finanzielle Last“ einzuordnen. Jeder Mensch ist zerbrechlich und kann in gesundheitliche oder soziale Not geraten“, sagte NRD-Vorstand Dr. Thorsten Hinz. „Wir dürfen nie den Respekt vor dem Leben verlieren und uns immer für dessen Schutz einsetzen.“
Mühltals Bürgermeister Niels Starke fügte an: „In den letzten Jahren sind demokratische Werte wieder zunehmend unter Druck geraten. Gerade in solchen Zeiten ist das Erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus wichtiger denn je. Die Geschichte der Nieder-Ramstädter Heime mahnt uns, wachsam zu bleiben und Menschenfeindlichkeit entschieden entgegenzutreten.“
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