03.03.2026
Schon beim Eintreten liegt eine besondere Ruhe in der Luft. An den Arbeitstischen sitzen Frauen, vertieft in ihre Bilder. Pinsel liegen griffbereit, Acrylfarben stehen offen und Papierstapel bedecken die Flächen. Dazwischen finden sich fertige Werke und solche, die gerade erst entstehen.
Die Kunstwerkstatt der Stiftung Nieder-Ramstädter Diakonie (NRD) befindet sich im ersten Stock eines der beiden Backsteingebäude der Mühltaler Werkstätten. Fünf Frauen haben hier derzeit ihren offiziellen Arbeitsplatz: Michele, Emely, Andrea, Lisa und Moni. Unter der Leitung von Elke Westermann widmen sie sich täglich von 8:15 bis 15:00 Uhr ihrer künstlerischen Arbeit.
„Kunst ist eine Form der Persönlichkeitsentwicklung“
Elke Westermann begleitet die Frauen in der Kunstwerkstatt fachlich und menschlich. Sie ist Kunst- und Kreativitätstherapeutin, zertifizierte Malbegleiterin sowie Fachkraft für Arbeits- und Berufsförderung. Darüber hinaus ist sie selbst passionierte Künstlerin. „Kunst ist eine Form der Persönlichkeitsentwicklung. Für mich ist es ein Geschenk, die individuellen Entwicklungen wahrzunehmen und zu fördern”, sagt sie und fügt hinzu: „Künstlerisches Arbeiten ist immer auch eine intensive Auseinandersetzung mit sich selbst, mit den eigenen Fähigkeiten und Themen. Kunst macht vieles sichtbar.“
Gemalt wird überwiegend mit Acrylfarben, doch auch Filz- und Buntstifte, Kohle und Kreide kommen regelmäßig zum Einsatz. Jede der Künstlerinnen hat ihren ganz eigenen Stil. Neben saisonalen Themen wie Jahreszeiten oder Feiertagen bietet Elke Westermann regelmäßig Workshops zu bestimmten Techniken an. Aktuell ist ein Workshop mit Kohle und Bleistift geplant.
Alle in der Kunstwerkstatt entstandenen Werke können erworben werden. Der Erlös kommt der Werkstatt zugute. Auch Auftragsarbeiten gehören zum Alltag. Moni arbeitet gerade konzentriert an einer solchen Arbeit: einer japanischen Landschaft mit Tempel. Asiatische Motive sind ihre große Leidenschaft. Sie ist bekannt für ihre akribische und detailreiche Arbeitsweise. „Die Arbeit hier gibt mir Ruhe und Ausgleich“, sagt sie leise. Auch die NRD beauftragt immer wieder kleinere Arbeiten, etwa Grußkarten für besondere Anlässe. Darüber hinaus werden die Werke aus der Kunstwerkstatt regelmäßig in den eigenen Seminarräumen ausgestellt – Kunst, die gesehen werden will.
„Wenn ich male, lenkt mich das von schweren Gedanken ab“
Wie Moni haben die meisten der hier arbeitenden Frauen besondere Schicksale erlebt. Viele von ihnen leben mit einer Doppeldiagnose. Psychische Beeinträchtigungen wie Depressionen oder posttraumatische Belastungsstörungen gehören zu ihrem Alltag. Gerade hier zeigt sich die Stärke der Kunstwerkstatt: Sie bietet einen geschützten Rahmen, in dem Aktivität, eigene Ausdruckskraft und Struktur trotz – und mit – Beeinträchtigung möglich sind.
Michele und Emely sieht man die Freude über ihren Arbeitsplatz deutlich an. Michele ist erst seit Kurzem fest dabei. Im Dezember hat sie bei einer kleinen inklusiven Ausstellung in Darmstadt ihr erstes Bild verkauft. Sie strahlt, wenn sie davon erzählt. „Ich bin gerne hier und male gerne. Wenn ich male, lenkt mich das von Kummer und schweren Gedanken ab“, erklärt sie. Auch Emely spricht offen: „Ich kann zeigen, dass ich trotz meiner Einschränkung malen kann. Dass ich ein Mensch bin, der etwas Besonderes kann.“ In ihren Bildern geht es oft um Gefühle, besonders das Thema Liebe findet immer wieder Ausdruck.
Andrea und Moni gehören zu den Künstlerinnen der ersten Stunde und sind seit dem Beginn im Jahr 2015 dabei. Andrea engagiert sich zusätzlich im Vorbereitungsteam der „BehindArt“, einer überregionalen Ausstellung inklusiver Kunst, die der Paritätische Wohlfahrtsverband jährlich im Sommer in Darmstadt organisiert. Die Kunstwerkstatt nimmt regelmäßig daran teil. „Ausstellungen sind enorm wichtig“, betont Elke Westermann. „Sie machen unsere Arbeit sichtbar und helfen, die Kosten zu decken.“ Als zusätzliches Arbeitsangebot der NRD-Werkstätten ist die Kunstwerkstatt auf weitere Mittel, insbesondere Spenden angewiesen. Der Verkauf der Bilder trägt nur zu einem kleinen Teil zur Finanzierung bei.
Ein besonderes Arbeitsangebot mit Herausforderungen
Neben den festen Arbeitsplätzen bietet die Kunstwerkstatt aktuell auch zwei Kurse im Rahmen der arbeitsbegleitenden Maßnahmen an, die montags stattfinden. Beschäftigte aus anderen Bereichen der Werkstätten haben hier die Möglichkeit, ihre Kreativität zu entdecken. Die Kurse laufen in der Regel ein Jahr, sechs bis sieben Personen nehmen daran teil. Auch Schüler*innen der gegenüberliegenden NRD-Förderschule, der Wichernschule, sowie Teilnehmende aus dem Berufsbildungsbereich der Werkstätten absolvieren hier Praktika.
„Es ist etwas Besonderes, dass wir in der Kunstwerkstatt auch offizielle Werkstattarbeitsplätze anbieten können“, sagt Elke Westermann. „Die meisten Einrichtungen können künstlerische Angebote nur im Rahmen von Begleitmaßnahmen umsetzen.“ Doch das besondere Angebot steht auch vor Herausforderungen. Die wirtschaftliche Lage ist angespannt und die vorhandenen Räumlichkeiten sind zu klein. Hoffnung macht die ehemalige Weberei auf dem Gelände der Mühltaler Werkstätten. Sie könnte Raum für Erweiterung und zusätzliche Betreuungsangebote bieten. Dafür sind jedoch weitere finanzielle Mittel nötig.
Neben dem Standort in Mühltal gehört auch ein Standort in Mörfelden zum Angebot der Kunstwerkstatt. Auch dort finden künstlerische Projekte statt. Beiden gemein ist: Die Kunstwerkstatt der NRD ist für alle ein Ort, an dem Kunst nicht nur entsteht, sondern auch wirkt – nach innen und nach außen. Sie ist ein Beispiel dafür, wie kreative Arbeit echte Teilhabe ermöglichen kann.
Die NRD-Kunstwerkstatt ist auch im Internet: https://kunstwerkstatt.nrd.de und auf Instagram: @kunst_werkstatt
© Stiftung Nieder-Ramstädter Diakonie
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