Angestarrt werden – Ist mir egal

27.09.2016 |  Gastautor

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Angestarrt werden – Ist mir egal

Wenn ich selbst hätte bestimmen können, wie mein Leben sein soll, wäre mein erster Wunsch gewesen, in einer ganz normalen Familie aufzuwachsen. Ich werde nächstes Jahr 50 und wurde als Baby in den Heimen abgesetzt. Irgendjemand, wahrscheinlich meine Mutter, hat mich vor dem Kinderhaus Eben-Ezer abgelegt und ist weggegangen.

Wer weiß, vielleicht war es mein Glück, dass ich da gelandet bin. Aber es ist eben kein normales Leben, wenn man in einem Heim ist. Man ist immer in einer großen Gruppe und Einzelzimmer gab es damals natürlich nicht. Ich musste mich, wie die anderen auch, an sehr viele wechselnde Betreuer gewöhnen. Das war manchmal schwer, besonders, wenn einer wegging, zu dem man eine gute Beziehung aufgebaut hatte. Seit über 20 Jahren lebe ich im Betreuten Wohnen, seit 15 Jahren alleine. Ich denke, das ist die glücklichste Zeit meines Lebens: Ich kann selbst bestimmen, wie ich mich einrichte, wann ich aufstehe, wann ich saubermache und einkaufe.

Mein Traumberuf wäre Lokführer oder auch Bahnschaffner. Deshalb habe ich 2015 im Theaterstück „An Tagen wie diesen“ auch einen Schaffner gespielt.

Wenn ich es mir hätte wünschen können, wäre ich ohne Behinderung geboren. Früher hat es mir sehr viel ausgemacht, angeguckt und gehänselt zu werden. Heute ist es mir egal, wenn Leute mich anstarren. Kleine Kinder fragen mich manchmal, was mit meinen Händen los ist. Ich würde ihnen gern erklären, dass ich das von Geburt an habe und dass es gar nicht schlimm ist und auch nicht wehtut. Aber die Erwachsenen ziehen ihre Kinder dann immer schnell weiter. Ihnen ist es peinlich, dass die Kinder einfach fragen. Dabei ist das gar nicht schlimm.

Inklusion finde ich sehr gut. Wenn Kinder von Anfang an zusammen sind und nicht auseinandersortiert werden, gewöhnen sich alle aneinander und können lernen, sich gegenseitig zu helfen. Es wäre auch schön, wenn alle zusammen in einem normalen Betrieb arbeiten könnten. Das gefällt mir an der Lazarusgemeinde, dass behinderte und nicht behinderte Menschen im Kirchenvorstand sind. Ich gehöre auch dazu, und ich arbeite als Küster. Ich glaube, die Kirchengemeinde Nieder-Ramstadt tut sich ein bisschen schwer, mit der Lazarusgemeinde zusammenzuwachsen. Wenn wir gemeinsame Gottesdienste haben an ganz normalen Sonntagen, dann kommen immer wenige Nieder-Ramstädter zu uns in die Kirche. Da muss noch was passieren.

Seit ich 13 war, habe ich in der Theatergruppe „Korczak-Kreis“ mitgespielt, ich war beim Weihnachtsspiel oft der Josef. Ich finde, Josef ist eine tolle Rolle. Er ist nicht der Vater von Jesus, aber er kümmert sich wie ein Vater um ihn. Das würde ich mir auch wünschen. Ich muss kein eigenes Kind haben, aber ich würde gern für ein Kind sorgen, das keine Eltern hat: Es ab und zu besuchen, ein schönes Geschenk dabeihaben und Zeit mit ihm verbringen.

Text Horst Enzmann  Foto Sabine Behrens

1  Kommentar

  • Andrea Deuschle
    21.10.2016 12:37 Uhr

    Vielen Dank für Ihre berührende Geschichte zum Thema "Selbstbestimmung".

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