Aus Stationärem wird Betreutes Wohnen

06.02.2018 | Marlene Broeckers

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Marlene Broeckers

Texterin und Pressereferentin der NRD

Aus Stationärem wird Betreutes Wohnen

Angelika Haser, Alter 49 Jahre, wohnt seit 1990 in einer der „Außenwohngruppen“ des früheren „Verein für Behindertenhilfe Dieburg und Umgebung e.V.“, der seit 2014 zur NRD gehört. Das Besondere an den Außenwohngruppen: Sie befinden sich nicht Auf der Leer, wo die anderen stationären Wohnplätze angesiedelt waren, sondern mitten in der Stadt. Bis heute wohnen mit Angelika Haser sieben Menschen in zwei WG’s am Marktplatz in Dieburg, direkt über der Sparkasse. Weitere Wohnungen mit sieben Plätzen befinden sich in der Spitalstraße Seit dem 1. Juli sind diese 14 Plätze dem betreuten Wohnen der NRD im Landkreis Darmstadt-Dieburg angegliedert. Was hat sich durch den Wechsel vom stationären zum betreuten Wohnen (BW) geändert? Ein Gespräch mit Angelika Haser (rechts im Bild) und ihrer Unterstützerin Maria Görtz.

Wir treffen uns in den Räumen des BW an der Steinstraße mitten in der Innenstadt, nur einen Katzensprung vom Marktplatz entfernt. Der größte Raum ist gerade von einer kreativen Gruppe besetzt: Klient*innen und Mitarbeitende haben sich getroffen, um große Kürbisse zu herbstlichen Lichtträgern mit Augen, Mund und Nase umzugestalten. Nebenan führt Martin Michel Gespräche mit Mitarbeitern. Er ist in Dieburg ein sehr vertrautes Gesicht, denn er leitete früher das betreute Wohnen in Dieburg. Inzwischen ist er für das BW der NRD im ganzen Landkreis Darmstadt-Dieburg und hat sein Büro in Nieder-Ramstadt. In einem weiteren Büro mit Blick auf die Fußgängerzone berichten Maria Görtz und Angelika Haser von der aktuellen Veränderung.

„Die ehemaligen Außenwohngruppen, abgekürzt AWG, waren schon immer ein Zwischending zwischen stationärem und betreutem Wohnen, die Leute waren und sind alle recht fit“, berichtet Maria Görtz. Die Erzieherin kam 2012 zur Behindertenhilfe Dieburg, leitet heute eines der Teams des betreuten Wohnens, und ist eine der beiden Unterstützerinnen von Angelika Haser. Weil die Klient*innen ohnehin recht selbstständig sind, bot sich für sie die Umwandlung ins betreute Wohnen an. Die Bewohner*innen kamen auch vorher morgens ohne Mitarbeiter*innen zurecht. Diese begannen ihren Dienst in der Regel erst nachmittags und waren auch am Wochenende für ihre Klient*innen da.

Ein Heimleben gab es hier nie

„Ein Heimleben, wie man es aus Nieder-Ramstadt kennt, gab es hier nie,“ erklärt Maria Görtz, „da sie mitten in der Stadt wohnen, kauften die Klient*innen schon immer selbst ein. Bezahlt wurde vom Gruppengeld, die Abrechnung machten die Betreuer.“ Das hat sich jetzt geändert. Zwar wird nach wie vor gemeinschaftlich eingekauft, denn die Bewohner*innen wollten so wenig wie möglich verändern. Aber der große Wocheneinkauf mit Betreuern wurde abgeschafft und die Klient*innen wirtschaften jetzt selbst mit ihrem Geld. In ihrer Vierer-WG ist Angelika Haser für die Haushaltskasse zuständig: „Jeder zahlt Geld ein, 20 oder 30 Euro die Woche. Ich schreibe alles auf. Wer einkaufen geht, bringt die Quittung mit. Wenn das Geld alle ist und wir noch etwas brauchen, legt jeder noch etwas in die Kasse.“ Wer einkaufen geht, bestimmt, was gekauft wird. Das ist kein Problem, wie Angelika Haser sagt: „Brot holen wir meistens beim Bormuth direkt vor der Haustür, die andern Sachen bei Penny, da ist es nicht so teuer. Und man weiß ja, was den anderen schmeckt und was nicht.“

Auch andere Pflichten, um die sich sonst die Mitarbeitenden kümmern, haben die Klient*innen selbst übernommen. Es gibt einen Plan, damit nichts Wichtiges vergessen wird. Darauf stehen Punkte wie Müllabfuhr-Termin, Staubsaugerbeutel kontrollieren, Kasse verwalten.

Angelika Haser arbeitet in den Dieburger Werkstätten, wo sie auch im Werkstattrat aktiv ist. Neben ihrem Arbeitslohn bezieht sie eine Erwerbsminderungsrente. Damit kommt sie zurecht. In ihrer Freizeit geht sie in die Tanzgruppe und zum Fußballspielen beim Turnverein, der unterschiedliche Angebote für Menschen mit Beeinträchtigung macht. Andere nehmen an inklusiven Handarbeits- oder Malgruppen teil oder singen im Chor. „Wir waren hier in Dieburg schon von jeher ziemlich inklusiv“, erklärt Maria Görtz, „unsere Klient*innen gehören zum Vereinsleben selbstverständlich dazu. Das hat viel damit zu tun, dass sie mittendrin wohnen.“

Nicht mehr um alles kümmern

Es ist ein großer Vorteil für die Umwandlung zum betreuten Wohnen, dass niemand deswegen umziehen musste. Sieben Mitarbeitende und eine Studentin betreuen im Team 2 unter anderem die derzeit sieben Klient*innen am Markt. Insgesamt gibt es in Dieburg derzeit 52 Personen im betreuten Wohnen, die von 15 Mitarbeitenden und zwei Studentinnen begleitet werden.

Wie hat sich die Arbeitsweise verändert? „Früher war jeden Nachmittag ein Mitarbeiter in den WGs am Markt“, berichtet Maria Görtz, „und der kümmerte sich um alles, was anstand. Heute haben wir feste Termine mit den einzelnen Klient*innen und sind dann nur für deren Anliegen da. Jedem Klienten sind zwei Unterstützer zugeordnet. Als Mitarbeiter*in muss man sich umstellen und sich daran gewöhnen, sich tatsächlich nicht um alles Mögliche zu kümmern, weil man gerade mal da ist.“

Angelika Haser stehen, entsprechend ihrem Hilfebedarf, 28  Fachleistungsstunden im Monat zu. Sie hat jede Woche vier feste Termine mit Maria Görtz oder deren Kollegin und überlegt sich vorher, was dann zu erledigen ist oder was sie gern mit ihrer Unterstützerin unternehmen möchte. „Es ist für mich schon eine Umstellung sagt sie, „zum Beispiel, wenn Maria in der WG ist, aber jemand anderen besucht. Ich weiß dann, das ist nicht meine Zeit und ich muss warten, bis unser Termin da ist.“

Beibehalten aus der stationären Zeit wurde die WG-Besprechung, die mit allen gemeinsam am Freitagnachmittag stattfindet. Da gilt es abzuklären, was am Wochenende für jeden ansteht. Auch samstags, wenn alle frei haben, ist ein Mitarbeiter in den Wohngruppen. Dann wird zusammen gekocht, möglichst so, dass es auch für den Sonntag noch reicht, und man unternimmt gemeinsam etwas.

Haltungsänderungen

Für die Mitarbeitenden bedeutet dies mehr Schreibarbeit und Dokumentation, denn die Zeit, die sie mit der WG gemeinsam erbringen, muss auf die einzelnen Klient*innen umgerechnet werden. Die wichtigen persönlichen Unterlagen und Dokumente befinden sich jetzt nicht mehr im Büro, sondern nach Möglichkeit in den einzelnen Zimmern. Dort muss regelmäßig ein Bick hineingeworfen werden, denn es läuft vielleicht die Krankenkarte oder ein Ausweis ab. „Wir erinnern die Klient*innen regelmäßig daran, ihre Akte im Auge zu behalten, anstatt ihnen zu sagen: Achtung, dein Ausweis läuft bald ab, da müssen wir dran denken“, sagt Maria Görtz, „das ist eine Haltungsänderung, die wir ganz bewusst vollziehen.“

Wie gefällt Angelika Haser das neue Leben im betreuten Wohnen? Sie atmet tief ein und schaut Maria Görtz an, nach Worten suchend: „Na ja, ganz schön, aber dass sonntags keine Betreuer da sind…“

Man spürt, sie ist mit der Umstellung noch nicht ganz und gar glücklich. Doch dann beginnt sie mit Maria Görtz die vielen gemeinsamen Aktivitäten aufzuzählen, die oft am Wochenende stattfinden und sich übers ganze Jahr verteilen: Neben dem regelmäßigen Bowling und den Stammtischen gibt es Bastelangebote, Besuche im Darmstädter Stadion oder dem Frankfurter Zoo, außerdem das Sommerfest, ein Grillfest und das weihnachtliche Kaffeetrinken zum Jahresende. „Und wir haben noch viele neue Ideen“, sagt Maria Görtz, „die Mitarbeitenden sind alle sehr engagiert und kreativ“. Angelika Haser nickt. Und sieht jetzt ganz zufrieden aus.

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