NRD-Mitarbeiter Michael Zach schreibt in seiner Doktorarbeit über das Behindertsein als Mann

08.11.2018 | Marlene Broeckers

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Marlene Broeckers

Texterin und Pressereferentin der NRD

NRD-Mitarbeiter Michael Zach schreibt in seiner Doktorarbeit über das Behindertsein als Mann

Wie gestalten Männer mit geistiger Behinderung ihre Männlichkeit und mit welchen Schwierigkeiten sind sie hierbei konfrontiert? Wann ist ein Mann ein Mann? Was macht einen Mann aus? NRD-Mitarbeiter Michael Zach hat darüber in seiner Doktorarbeit geschrieben.

Auf diese Fragen geben Männer mit und ohne geistige Behinderung ähnliche Antworten. Geistig behinderte Männer orientieren sich in Sachen Männlichkeit an ihren nicht behinderten Geschlechtsgenossen. Und die soziale Herkunft von Männern spielt eine wesentliche Rolle dafür, welche Attribute von Männlichkeit sie bevorzugen. Diese Thesen hat Dr. Michael Zach in seiner Doktorarbeit „Behindertwerden als Mann, Männlichkeitskonstruktionen bei geistiger Behinderung“ nachgewiesen. Zach gehört seit 1996 zur NRD und ist seit 2005 vor allem als Freizeitpädagoge im Wohnverbund Pulvermühlenweg tätig.

„Wissenschaftliches Arbeiten und praktische Tätigkeit – beides zusammen macht für mich eine gute Balance aus“, sagt Michael Zach, 47. Schon als Kind und Jugendlicher streifte der gebürtige Groß-Gerauer gern durch die Felder und suchte nach Schätzen aus dem Altertum. Tatsächlich fand er einiges, denn südwestlich von Groß-Gerau gab es im 1. Jahrhundert nach Christus ein römisches Kastell. Heute interessiert sich Zach mehr für die Jungsteinzeit und sucht, befugt vom Archäologischen Landesamt, auch in Nieder-Ramstadt und Umgebung nach Alltagsgegenständen vergangener Zeiten.

Forschergeist

„Ich bin neugierig. Ich lerne und hinterfrage gern. Und ich forsche gerne – aus der Praxis für die Praxis“, sagt Michael Zach. Die erste Ausbildung, die er absolvierte, machte ihn zum Fernmeldetechniker. Für den Zivildienst kam er in die NRD, dann studierte er Soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule Darmstadt. Zusätzlich zu seiner Arbeit in der NRD und seinem Archäologen-Ehrenamt hat sich Michael Zach, der nebenbei auch Lehraufträge an der Universität Frankfurt erfüllte, dann 2009 eine Doktorarbeit vorgenommen. Um zur Promotion zugelassen zu werden, musste er zunächst eine Prüfung machen. Die Vorbereitung dafür verschlang 18 Monate. Dann aber konnte es losgehen.

Die Idee, zu erforschen, wie Männer mit geistiger Behinderung ihre Männlichkeit ausbilden, kam ihm bei seiner Arbeit. „Viele Männer äußerten Wünsche, zum Beispiel nach gelebter Sexualität“, berichtet er, „und ich beobachtete, welche Anstrengungen sie unternehmen, richtige Männer zu sein, um als solche anerkannt zu werden.“

In seinem Tätigkeitsfeld in der Pulvermühle fand Zach vier junge erwachsene Männer, die bereit waren, biographische Interviews zu geben. Voraussetzung dafür war natürlich die Zustimmung der gesetzlichen Betreuer und Eltern. Mit Letzteren hat Zach ebenfalls Interviews geführt. Anschließend hospitierte er jeweils sechs Wochen in den Bereichen der Mühltal-Werkstatt, wo seine Probanden arbeiteten: In der Großküche, in der Metall-Werkstatt und einer Montage-Verpackungsgruppe. Welches dieser Arbeitsfelder ist „typisch weiblich“ oder „typisch männlich“? Ich selbst bin in die Hausfrauen-Falle getappt mit meiner spontanen Antwort: „Küche ist weiblich.“ Das ist falsch, Großküchen sind nicht weiblich, sondern männlich besetzt. Und Menschen mit Behinderung sind hierin zum Schnippeln da, aber nicht zum Kochen, was manche sich sehnsüchtig wünschen.

Der Arbeit mit behinderten Menschen fehlt Wertschätzung

In den Werkstätten führte Zach außerdem auch viele Gespräche mit Mitarbeitenden und erforschte den Umgang von nicht behinderten mit behinderten Mitarbeitern. Hierbei stellte er fest, dass es sowohl wertschätzenden als auch verletzenden Umgang gibt – und dass beides von der Wertschätzung abhängt, die nicht behinderte Mitarbeiter mit ihrer eigenen Arbeit verbinden. „Diejenigen, die darunter leiden, eine Arbeit zu tun, die gesellschaftlich nicht anerkannt wird, haben umso mehr das Bedürfnis, gegenüber behinderten Mitarbeitern einen überlegenen Status zu behaupten.“

Hier kann seiner Meinung nach mehr Öffentlichkeitsarbeit helfen. „Die Medien müssten mehr darüber berichten, was Mitarbeitende in Werkstätten leisten. Es müsste deutlich werden, dass das Arbeit ist“, sagt er. Aus diesem Grund lehnt er auch die Bezeichnung „Beschäftigte“ für behinderte werktätige Menschen ab. „Der Begriff kommt aus einer alten Zeit, wo man dachte, dass behinderte Menschen irgendwie beschäftigt werden müssen. Dieses Image haftet der Arbeit immer noch an. Dabei wird doch in den Werkstätten pädagogisch qualifiziert gearbeitet und produktiv echte Leistung erbracht.“

Während Mitarbeitende ohne Behinderung eher mit der gesellschaftlichen Wahrnehmung ihrer Arbeit zu kämpfen haben, ist für behinderte Menschen vor allem der soziale Nahbereich entscheidend dafür, wie sie sich fühlen, also die Wohnsituation und die Arbeit. Hier wünschen sich behinderte Männer vor allem Respekt. Sie leiden darunter, wenn sie wie Kinder behandelt oder wenn ihre Wünsche ignoriert werden. Sie möchten so sein dürfen, wie sie sind.

Einer seiner Probanden war übrigens überzeugt, dass sein Sosein, also auch seine geistige Behinderung, dazu führen, dass er besonders gut denken kann. Als Beispiele dafür nannte er, dass er erst einmal genau nachdenkt, wenn er einen Arbeitsauftrag bekommt, und dass er den Auftrag dann auch richtig gut ausführen kann. Oder: dass er seine Mutter daran erinnert, ihren Schlüssel nicht zu vergessen, wenn sie aus dem Haus geht.

Alte Männerbilder sind immer noch in Geltung

Eine Grundlage für Michael Zachs Arbeit war der Begriff der hegemonialen, also der vorherrschenden Männlichkeit. Dieser Begriff wurde von der australischen Soziologin Raewyn Connell in den Feminismus und die Gender- und Männerforschung eingeführt und hat sich inzwischen in der deutschen Soziologie etabliert. Das jüngste auf Deutsch erschienene Buch von Connell, die als Professorin an der Universität von Sydney tätig ist, trägt den Titel „Der gemachte Mann“ (2015). Ein sehr geistreicher Titel! Denn von einem „gemachten Mann“ sprach man früher, um auszudrücken, dass einer viel erreicht hat. Und bis heute haben sich die Attribute, die einen „richtigen Mann“ ausmachen, kaum verändert: Er ist weiß, heterosexuell und erfolgreich, bezogen auf seine Leistungen in der Arbeit, in der Politik, beim Militär und im Sport. Connells Buchtitel bedeutet aber heute etwas ganz anderes: Nämlich, dass Männer kulturell „gemacht“ werden und unter dem Druck stehen, die genannten Erwartungen zu erfüllen. „Das schafft keiner, trotzdem orientieren sich die meisten Männer bis heute an diesen Bildern“, so Zach. Und deswegen ist die Gesellschaft von Männern für Männer sehr wichtig: „Da wird ausgehandelt, wer der Stärkste ist. Um seine Position als Mann zu bestimmen, braucht ein Mann andere Männer“, sagt er.

Gender-Urlaub machen

Macht-Gerangel ist natürlich auch anstrengend. Und frustrierend für diejenigen, die sich nicht behaupten können. Deshalb hält Michael Zach „Gender-Urlaub“ für wichtig. Damit meint er Freiräume, in denen es nicht darauf ankommt, sich geschlechtsbezogen zu bewähren. Gender-Urlaub, das können seiner Meinung nach auch Kommunikationsräume sein, in denen Männer die Möglichkeit haben, sich geschützt zu ihren Problemen und Nöten zu äußern.

Wir sprechen schon mehr als zwei Stunden über Michael Zachs spannende Arbeit, die er zum Glück – und auch zum Nutzen der NRD – noch zu einem kurzen Fachbeitrag zusammenfassen wird. Doch bevor es soweit ist, habe ich noch zwei Fragen. Inwiefern kann die Regionalisierung der NRD relevant sein für die Erkenntnisse aus seiner Arbeit? „Mit den alten Konzepten rauszugehen in die Region, das würde nichts ändern. Aber neue Wohnverhältnisse, eigene Wohnungen und die Unterstützung der Menschen darin, ihre eigenen Lebensentwürfe zu gestalten (Empowerment) – wenn das mit der Regionalisierung verknüpft ist, dann kann es bereichernd sein.“

Was resultiert im Hinblick auf die Mitarbeitenden aus seiner Forschung? „Mitarbeiter sind dann gut, wenn sie wissen, dass sie wertvolle Arbeit leisten und wenn sie sich gender-reflexiv verhalten, das heißt, wenn sie darüber nachdenken, wie sie ihre eigene Männlichkeit oder Weiblichkeit leben und wie sie damit auf Menschen einwirken, die ihre Unterstützung benötigen.

Michael Zach hat viel investiert, um seine Dissertation zu machen. Die Uni Frankfurt fand seine Arbeit so gut, dass sie die Druckkosten für das Buch übernahm. Und aus demselben Grund wird sicher auch seine Bewerbung um eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter dort erfolgreich sein.

Ich bin beeindruckt von diesem Menschen. Von seinem Fleiß, seinem Forschungsdrang und seiner Bereitschaft, so viel zu investieren, ohne damit für sich selbst mehr erreichen zu wollen an Geld und Geltung. Herzlichen Glückwunsch, Dr. Zach! 

Das Buch
Michael Zach, Behindert werden als Mann. Männlichkeitskonstruktionen bei geistiger Behinderung. Frankfurt 2015, ISBN 978-3-9816428-2-7, 12,50 Euro 

Das englische Wort „gender“ ist ein Begriff in den Sozialwissenschaften. Er bezeichnet Geschlechtseigenschaften, die durch Gesellschaft und Kultur geprägt werden. Gender grenzt sich ab zu den zwei biologischen Geschlechtern männlich und weiblich.
 

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