Die Zeit des Hauses Magdala ist zu Ende

25.11.2016 | Dirk Tritzschak

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Dirk Tritzschak

Dirk Tritzschak ist Inhaber der Stabsstelle "Strategische Entwicklung Eingliederungshilfe" und Leiter des Regionalverbunds Kinder und Jugendliche.

Die Zeit des Hauses Magdala ist zu Ende


Im Oktober 2016 sind die letzten Bewohner aus Haus Magdala nach Überau umgezogen. Am 16. November trafen sich ehemalige Bewohner, Mitarbeiter und Interessierte zu einem letzten Gang durch das Haus, das im kommenden Jahr abgerissen werden soll. Dabei war von ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohnern oft die Worte „Magdala zu“ zu hören. Das wirkte fast so, als müsse man sich das immer wieder sagen – haben doch viele lange Zeit auf diesen Tag gewartet.

Wechselvolle Geschichte

Im Laufe seiner mehr als 80-jährigen Geschichte diente das Haus sehr unterschiedlichen Nutzungen. Für „unruhige Frauen“ gebaut, wurde es während der NS-Zeit zur „Lungenheilstätte“ umgewandelt. 1955 erhielt das Haus den Namen „Magdala“, drei Jahre später wurde der letzte tuberkulosekranke Patient in ein Krankenhaus verlegt. Ab 1958 diente „Magdala“ der Pflege von chronisch kranken Frauen. In den 1960er Jahren wurden die Frauenstationen aufgelöst, da nicht genügend weibliches Personal für die Pflege vorhanden war. Das Haus wurde nun für Männer genutzt.

lange Flure in Haus Magdala
lange Flure in Haus Magdala

Zeit des Aufbruchs

In den 1970er Jahren zogen viele junge Männer ins Haus Magdala. Es begann die Zeit, an die sich heute noch viele erinnern können. So standen viele am 16.11. vor den zahlreichen Bildern aus dieser Zeit und blickten zurück. Auf schöne, aber auch nicht so schöne Momente ihrer Zeit in Haus Magdala. Es war eine Zeit des Aufbruchs und das Leben in Haus Magdala wurde im Verhältnis zum Haus Bodelschwingh als angenehmer empfunden. Nach einem erneuten Umbau lebten in den für jeweils 15 Personen vorgesehenen Wohngruppen in der Regel 12 Personen.

In den 1990er Jahren wurde die Wohngruppe Magdala 3 zur ersten intensiv-betreuten Wohngruppe in der Nieder-Ramstädter Diakonie. Nach dem Auszug der Wohngruppe 4 zog 2004 eine Gruppe junger Erwachsener aus Eben Ezer nach Magdala. Nach dem Auszug der Magdala 1 in die Wichernstraße 31 wurde die zweite intensivbetreute Wohngruppe 2003 eröffnet.

Lange Jahre des Wartens

Mit dem Regionalisierungsbeschluss von 2005 fiel auch die Entscheidung, das Haus Magdala zu schließen. Dies war zunächst für das Jahr 2009 vorgesehen. Tatsächlich aber dauerte es noch weitere sieben Jahre, bis die beiden intensivbetreuten Wohngruppen Magdala 1 und 3 im August 2016 endlich in das neue Wohnprojekt in Reinheim-Ueberau umziehen konnten. Die letzten zehn Jahre waren eine unruhige Zeit der Veränderung mit vielen Aus- und Umzügen. Mit der Eröffnung der Paul-Wagner-Straße in Darmstadt wurden die ersten Wohngruppen (Magdala 2 und 4) geschlossen. Die nun leeren Räume wurden vorübergehend von der Tagesstätte genutzt, und die NRD-Orbishöhe betreute hier unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.

Die Wohnbedingungen und der Gebäudezustand entsprechen schon lange nicht mehr dem, was sich die NRD spätestens seit 2005 für Menschen wünscht. NRD-Vorständin Brigitte Walz-Kelbel würdigte beim Abschiedsbesuch die Leistung vor allem der Mitarbeitenden in der Umbruchssituation der letzten Jahre im Haus: „Angesichts der extrem ungünstigen räumlichen Bedingungen, die die Betreuung erschwerten, die wenig Individualität und kaum eine Intimsphäre ermöglichten, haben die MitarbeiterInnen alles daran gesetzt, den hier lebenden Menschen gerecht zu werden. Das verdient große Anerkennung.“

Menschen mit und ohne Behinderung haben im Haus Magdala zum Teil mehrere Jahrzehnte an persönlicher Geschichte erlebt. Daran zu erinnern, war die Absicht am letzten Tag der offenen Tür. Es war wie ein Zeichen, dass an diesem letzten Tag der Aufzug seinen Dienst versagte. Er wird nicht mehr gebraucht. Die Zeit des Hauses Magdala ist vorbei.

Schönen Feierabend
Schönen Feierabend

2  Kommentare

  • Marianne Loose
    09.08.2017 18:58 Uhr

    Mein Onkel Dr. Wilhelm Brumhard war in der NS Zeit Arzt in der Lungenheilstätte Ober-Ramstadt. Sind in Ihrem Archiv noch Unterlagen über seine Tätigkeit? Er war Halbjude, wurde angeblich Anfang 1944 in Frankfurt/Main auf der Strasse überfallen und in ein Krankenhaus in Giessen gebracht. Am 10. 4. 1944 starb er dort, wo er offensichtlich von den Nazis umgebracht worden ist. Seine Asche wurde seinen Eltern in Königsberg/Pr. im April 1944 aus Giessen zugesandt.

  • Maciej Górnik *
    11.01.2018 01:10 Uhr

    Das Schaudern ergriff mich an meinem ganzen Körper, als ich diesen Bericht las. Über 12 Jahre meines Lebens verbrachte ich als Angestelltenkind im Hause Magdala und bin daher jemand, der als Zeitzeuge sowohl der Einrichtung der Nieder Ramstädter Heime als auch dieses Hauses gelten kann.

    Die Zeit der späten 60-er sowie frühen 70-er Jahre waren eine Zeit einer nicht weichen wollenden weitestgehend pseudochristlichen Dunstglocke bestehend aus Diakonissen , Chorälen und Andachten einerseits, andererseits machten Praktikanten mit langen Bärten, John-Lennon Brillen und Norwegerpullis unweigerlich , insgesamt jedoch sicher mehr nolens denn volens auf den langsam einsetzenden Aufbruch dieser Jahre aufmerksam. Denn in letzter Konsequenz waren die vorsichtig gewagten als auch zaghaften Ansätze kleiner Reförmchen mancher Mitarbeiter vollkommen unerwünscht im bethulatorisch-pathologischen Mief der Nieder Ramstädter Heime jener Zeit.

    Auf den Gruppen wohnten die Kranken (so nämlich hieß es damals), auf der Personaletage wohnten wir. Es war ein Käfig, der mich von der Welt, die "draußen" stattfand, komplett abriegelte und mir die Luft zum Atmen nahm. Im Dorf feierte die Spießbürgerwelt gedeckten Apfelkuchens fröhliche Urstände, wohingegen sich heime-intern die Geisteshaltung des gottesfüchtigen "Befiehl dem Herren deine Wege, er wird's wohl machen" schier unersättlich verausgabte. Das fühte letztendlich dazu, dass ich mich nirgendwo zugehörig fühlte: weder zu den Bewohnern auf den Wohngruppen, noch zu Mitarbeitern, noch zum Dorf, von welchem man tunlichst als "Idiot" oder "Spasti" gemieden wurde. Auch meine Eltern verstanden es keiner Weise, mir das menschliche Zuhause zu geben, was ein jeder Mensch dringend benötigt, um in diesem Leben zunächst anzukommen , dann Fuß zu fassen und schließlich Wurzeln zu schlagen. So wurde die permanente Isolation mein Lebensthema, denn nirgendwo gehörte ich dazu bzw. überall störte ich nur - eine Erfahrung , die fortan blieb.

    Die einzelnen und konkreten Erlebnisse, derer ich im Hause Magdala teilhaftig wurde, haben mich nachhaltig negativ geprägt, um nicht zu sagen traumatisiert. Soviel sei gesagt: wer sich den Film "Und alle haben geschwiegen" ansieht, der bekommt ein Begriff von dem, was sich nicht nur im Hause Magdala ,sondern überhaupt in den Heimen jener Jahre abgespielt hat bzw. tagtäglich usus war. Bis heute lassen mich diese Erfahrungen nicht los gemäß der Maxime: "... und träumet, der Schreck ist ein Meister aus Nieder Ramstadt" - um hier Paul Celan etwas abzuwandeln. Alpträume aus diesen Jahren lassen mich bis heute zuweilen nicht zur Ruhe kommen.

    Abschließend stelle ich daher fest: das Haus Magdala ist es mit ganzer Sicherheit nicht wert, dass ich diesem Haus des Schreckens auch nur eine Träne nachweinen würde.

    * Erinnerung und Schrecken dieser Zeit sitzen derart tief, dass ich mir erlaubt habe , diesen Text mit Pseudonym zu verfassen.

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