Drei wunderbare Worte

29.12.2016 | Marlene Broeckers

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Marlene Broeckers

Texterin und Pressereferentin der NRD

Drei wunderbare Worte

Wenn ein Kleinkind seinen ersten vollständigen Satz spricht, freuen sich Eltern über die Maßen. Es ist, als wäre ein kleines Wunder geschehen. Ein Erlebnis dieser Art hatte Martina Wendel, Teamleiterin der Wohngruppe im Bodelschwinghhaus in Nieder-Ramstadt. „Schau mal her!“ hieß der Satz von Caroline Hensler*, der unserer Kollegin eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Dass die 31 Jahre alte Bewohnerin, die sich seit Jahren nicht verbal geäußert hat, wieder anfängt zu sprechen, ist das Ergebnis einer großartigen Zusammenarbeit von Mitarbeitenden mit hoher Kompetenz.

Es geschah im Hasengehege. Martina Wendel und Caroline Hensler waren im Außengelände der Wohngruppe, um die vier Hasen zu versorgen, die seit Juli dort leben. Franz, Hugo, Lissi und Heidi fühlen sich hier sichtlich wohl. Und den meisten der sieben BewohnerInnen macht es Freude, sich um die Tiere zu kümmern und sie zu streicheln.

Caroline Hensler hat die Aufgabe übernommen, den Hasen täglich frisches Futter zu bringen. Im Sommer hat sie, begleitet von einer Mitarbeiterin, beim Spaziergang jeden Tag Kräuter gepflückt, die den Hasen schmecken.

Als sie den wunderbaren Satz hörte, war Martina Wendel gerade dabei, einen kleinen Stall zu säubern. Hinter ihr saß Caroline Hensler auf einer Bank. „Schau mal her!“ sagte sie plötzlich, und es dauerte einige Sekunden, bis die Mitarbeiterin glauben konnte, was sie gehört hatte. Sie drehte sich um und sah Caroline Hensler mit Heidi auf dem Schoß, glücklich lächelnd.

im Hasenstall

Schutzraum geschaffen

In der 1. Ausgabe 2016 hat NRDbewegt! über den „Fall“ Caroline Hensler berichtet. Dabei ging es um den „Safespace“, ein vier Quadratmeter großes, stabiles Zelt, das dazu dient, Menschen im Ausnahmezustand Schutz und Sicherheit zu geben und zu verhindern, dass sie sich selbst und andere verletzen. Ein Safespace wurde Anfang 2016 für Caroline Hensler angeschafft, als diese nach einer monatelangen Krise und sechswöchigem Psychiatrieaufenthalt in die Wohngruppe zurückkehrte. Das Zelt hatte eine Wirkung, die für Martina Wendel und ihre Kolleginnen ebenfalls an ein Wunder grenzt: Caroline Hensler nahm es von Anfang an als ihren persönlichen Schutzraum, schlief oft nachts darin und suchte es tagsüber auf, wenn sie unruhig wurde.

Der Safespace ist kein Wundermittel. Ebenso wenig sind es die Hasen. Zelt und Tiere sind nur kleine Mosaiksteine in einem Konzept zur individuellen Betreuung einer Klientin, die im Kindesalter Misshandlung und Missbrauch erlebt hat. Ihre schlimmen Erfahrungen kann Caroline Hensler aufgrund ihrer geistigen Beeinträchtigung kaum verarbeiten. Sie ist darauf angewiesen, dass es Menschen gibt, die verstehen, was in ihr vorgeht und die ihr helfen, angemessene Ausdruckformen zu finden, wenn sie durch einen Flashback zurückgeworfen wird in schlimme Momente ihres Lebens.

Individuelles Konzept

Das Team um Martina Wendel hat mit einem externen Fachmann für Trauma und herausforderndes Verhalten zusammengearbeitet, außerdem wechselte die Kollegin Nadine Krall vom Haus Arche ins Haus Bodelschwingh, um 25 Prozent ihrer Stellenkapazität der Einzelbetreuung von Caroline Hensler zu widmen. Nadine Krall ist Fachkraft für Pädagogik und Trauma-Arbeit und hat auch viele Kenntnisse im musischen Bereich. Neben der Beziehungsarbeit – sich kennenlernen und immer besser verstehen – gilt es, die frühen Anzeichen einer drohenden Eskalation wahrzunehmen und die passende Methode anzubieten, um mit Aufregung, Wut oder Angst besser umgehen zu lernen.

„Verstanden werden und sich sicher zu fühlen – das sind wesentliche Voraussetzungen für eine positive Entwicklung“, sagt Martina Wendel, die zugleich feststellt: „Alle sieben BewohnerInnen haben hier positive Veränderungen durchgemacht.“ Wichtig für die Arbeit sei auch der ständige Austausch der Kolleginnen untereinander. Unabdingbar dafür: Eine detaillierte Dokumentation.

Der Erfolg mit den Hasen beflügelt das Team, das 2017 – nach dem Umzug in die neuen Wohnungen am Sonnenhof – die tiergestützte Therapie gern ausweiten möchte und gerne auch Klienten jenseits der eigenen Wohngruppe zugänglich machen möchte. Neben Martina Wendel hat auch Beate Jayme eine entsprechende Ausbildung. „Alle Haus- und Nutztiere kommen in Betracht“, sagt Martina Wendel, „Schafe wären schön, Esel wären sehr gut“.

* Name geändert

Fotos: (1) lukasbono/fotolia, (2) Marlene Broeckers

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