Ein Kreativer mit besonderem Talent

18.06.2015 | Marlene Broeckers

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Marlene Broeckers

Texterin und Pressereferentin der NRD

Ein Kreativer mit besonderem Talent

„Jeder Mensch ist anders. Alle sind verschieden“, sagt Lukas Thelen, 21. Der junge Mann aus Heppenheim ist Autist und wird von Integrationskräften der NRD bei seinem Studium am Fachbereich Media der Hochschule Darmstadt begleitet.

Stellen Sie sich ein Landschaftsgemälde vor. Ein Großteil der Bildfläche ist von grünen Laubbäumen bedeckt, durchzogen von einer Reihe Nadelbäume, dazwischen graue Felsen. Mitten durch das Grün kommt von rechts eine gelbe Dampflok gefahren, sie zieht einen einzigen, doppelstöckigen Waggon. Vom unteren Bildrand her fließt ein Fluss in die Mitte. Dort erhebt sich wie ein Pilz ein Gebäudekomplex mit vielen Türmen und Türmchen. Im Hintergrund ist blauer Himmel mit weißen Wolken, die von stürmischem Wind getrieben werden. Zwei Planeten - ein kleinerer in schneeweiß, ein größerer in rosabraun - stehen gleichfalls am Himmel.

Ein ziemlich komplexes Bild, im Original 120 x 100 Zentimeter groß. Nun stellen Sie sich weiter vor, das Gemälde steht hinter einem Vorhang und dieser wird langsam von oben nach unten abgerollt. Zuerst sehen Sie nur 5 Zentimeter vom Himmel in ganzer Breite, am nächsten Tag geht der Vorhang weitere fünf Zentimeter herunter: Einige Wolken, ein bisschen Himmelsblau und ein Teil der Planeten kommen in Sicht. Und so geht es weiter: 5-zentimeterweise wird das Bild von Tag zu Tag weiter sichtbar, bis es nach 20 Tagen vollständig zu sehen ist.

Und jetzt versuchen Sie sich vorzustellen, dass dieses Bild genauso, wie es allmählich vor Ihren Augen entrollt wurde, von einem Menschen gemalt worden ist. Jeden Tag fünf Zentimeter, von oben nach unten. Was für ein Mensch mag dieser Maler sein? Zweifellos ein sehr kreativer mit ganz besonderen Fähigkeiten.

Der Künstler heißt Lukas Thelen, ist 21 Jahre alt und hat gerade sein erstes Semester am Mediencampus der Hochschule Darmstadt in Dieburg hinter sich. Das Bild, ein Ölgemälde, hat er 2012  gemalt. Es unterscheidet sich kaum von den Bildern, die er digital am Computer erschafft: Fast alle Bildern von Lukas Thelen haben Tiefendimension. Ihr Schöpfer scheint über dreidimensionales Sehen zu verfügen. Auf jeden Fall hat er Humor, mag es bunt und kann Gefühle ausdrücken. Und er ist oft im Weltraum unterwegs.

Florian Saum und Lukas Thelen
Florian Saum und Lukas Thelen

Empfehlung für Sondereinrichtungen

Lukas Thelen ist Autist. Ihm wurde „frühkindlicher Autismus“ bescheinigt, als er mit dreieinhalb Jahren noch nicht sprach. Seine Prognosen waren die allerschlechtesten. Den Eltern wurde gesagt, sie müssten sich nach Sondereinrichtungen umsehen. Das haben sie nicht getan, sondern sich um einen Intergrationsplatz im Dorfkindergarten in Heppenheim-Kirschhausen bemüht. Dort blieb Lukas, bis er sieben Jahre alt war. Danach besuchte er eine Sprachheilschule, wo er aufgrund seiner deutlich eingeschränkten sprachlichen Fähigkeiten zunächst in die Vorklasse kam.   In der kleinen Lerngruppe mit insgesamt zehn Kindern kam Lukas gut zurecht, auf dem Schulhof aber war er als Autist „das geborene Mobbing-Opfer“, so seine Mutter Sabine Thelen, die als Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin im schulärztlichen Dienst des Kreises Bergstraße tätig ist.   Die Realschulzeit, begleitet von Absolventen des Freiwilligen Sozialen Jahres, die oft fehlten, überstand Lukas vor allem dank der Unterstützung durch Lehrkräfte und die Mädchen in   seiner Klasse. Besser wurde es erst in der gymnasialen Oberstufe der Geschwister-Scholl-Schule in Bensheim, wo Lukas Thelen im Frühjahr 2014 sein Abitur machte. Hier wurde er bereits von Florian Saum begleitet, einer pädagogisch geschulten Integrationskraft mit 1. Staatsexamen für das Lehramt an Grundschulen. Träger dieser Maßnahme war die Arbeiterwohlfahrt Mannheim.

Im Studium erhält Lukas Thelen nun seit dem Wintersemester 2014/15 Assistenz vom Familienunterstützenden Dienst (FuD) Bergstraße der NRD in Bensheim. Zusammen mit Lukas Thelen wechselte vor einem halben Jahr auch Florian Saum zur NRD: „Individuelle Begleitung interessiert mich sehr“, sagt er, „und da wir uns gut verstehen, hat es mich gereizt, Lukas im Studium zu begleiten.“ Florian Saum teilt sich die Arbeit mit seinem Kollegen Andreas Degenhard. Für den Notfall steht außerdem noch Anna Kuhn im Hintergrund bereit. Sie hält sich durch gelegentliche Hospitationen auf dem Laufenden, damit sie weiß, worauf es ankommt, wenn sie einspringen muss.

Ein Geschenk für den Vater, der von Beruf Koch ist 
Ein Geschenk für den Vater, der von Beruf Koch ist
Lukas Thelen malt in Öl auf Leinwand oder gestaltet seine Bilder am Computer 
Lukas Thelen malt in Öl auf Leinwand oder gestaltet seine Bilder am Computer
 

Zwei Möglichkeiten sind eine zu viel

Die Arbeit beginnt mit der Reise nach Dieburg, die hin und zurück drei Stunden in Anspruch nimmt. „Ich steige in Heppenheim in den Zug“, berichtet Lukas Thelen, „immer in den ersten Waggon. In Bensheim steigt Florian zu und wir fahren weiter nach Darmstadt. Dort nehmen wir entweder den Bus nach Dieburg oder den Zug nach Aschaffenburg, und steigen in Dieburg aus.“

Ob es ab Darmstadt Bus oder Zug wird, das entscheidet sich – je nach Verspätung - Tag für Tag neu, denn die Abfahrtszeiten sind eng getaktet. „Hier würde Lukas stranden, wenn er keinen Begleiter hätte“, erklärt Sabine Thelen. Denn   Planänderungen, die auch noch Zeitdruck erzeugen, sind für Autisten ein Desaster. Mit Florian oder Andreas an seiner Seite ist es aber für Lukas gar kein Problem. Ebenfalls kein Problem ist es für ihn, alleine mit dem Zug nach Frankfurt zu fahren und dort in eine Straßenbahn umzusteigen, die im Zehn-Minuten-Takt fährt. Verpasst er eine, wartet er auf die nächste. Damit hatte Lukas Thelen keinen Stress, als er nach dem Abi ein Praktikum bei Pixomondo in Frankfurt machte – einem international tätigen Unternehmen, das unter anderem visuelle Effekte für Spielfilme und Fernsehproduktionen entwickelt.

Dass er alles geheim halten mußte, was in der Firma gerade bearbeitet wurde, war für Lukas Thelen gar keine Herausforderung. Anderen mitzuteilen, was in seinem Kopf vorgeht, ist ihm kein wichtiges Bedürfnis. Lieber scheint er seinen Gedanken und Bildern schweigend zu folgen oder sie aufzuschreiben, zu zeichnen und virtuell zu erschaffen. Im Praktikum entwickelte er Objekte für den neusten Film „Petterson und Findus“: Eine Karotte, eine Steinschleuder und einen Schneebesen. Man war angetan von seiner Arbeit und empfahl ihm ein Studium am Fachbereich Media der Hochschule Darmstadt.

Am Dieburger Campus studiert Florian Saum nun gewissermaßen mit. Er hat ein Auge auf die vielen kurzfristigen Änderungen, die die Onlinekanäle der Hochschule, über Facebook und Whats App kommuniziert werden. Er lenkt Lukas Thelens Aufmerksamkeit zum zentralen Geschehen in Vorlesungen oder Gruppenarbeiten zurück und fertigt eine Mitschrift an. Hinterher gleicht er mit Lukas ab, ob dieser alles Wichtige mitbekommen hat. Bei den praktischen Übungen und Projekten kann sich Florian Saum zurückziehen, „dann ist Lukas voll konzentriert, wie überhaupt immer, wenn ihn etwas interessiert.“

„Animation & Game“ heißt der Studiengang, für den Lukas Thelen sich entschieden hat und der ihn in sieben Semestern zum Bachelor-Examen führt. Animationen und Spiele digital zu entwickeln - das klingt nur für Laien nach Spaß und Unterhaltung. Die Studierenden am Dieburger Campus aber setzen sich auch damit auseinander, wie sie spielerisch die Welt verbessern können. So haben zum Beispiel Absolventen des 5. Semesters einen Kurzfilm mit einem Raben und einem Frosch als Hauptakteure produziert, der auf die korrupte Justiz in vielen Ländern der Welt aufmerksam macht.

Viele engagierte Unterstützer

Unter den vielen hochkreativen Kommilitonen in Dieburg fühle sich ihr Sohn richtig wohl, sagt Sabine Thelen. Und Florian Saum hat den Eindruck, dass Lukas in den Bildern und Geschichten, die er erschafft, „seine Persönlichkeit weiter entwickeln und zum Ausdruck bringen kann.“ Sehr zum Leidwesen vieler Studierender gehört das Programmieren zu den Werkzeugen, die man beherrschen muss. Auch Lukas Thelen tut sich schwer damit und ist dankbar für die Unterstützung seines Professors, der kurz vor der Klausur alles noch einmal mit ihm durchging. 

Auch Florian Saum ist begeistert von der Hilfsbereitschaft und dem Engagement vieler DozentInnen und dem freundschaftlichen Umgang, den die meisten Kommilitonen mit Lukas Thelen pflegen. Für sie alle war es neu, mit einem Autisten umzugehen. Nach einem gemeinsamen Semester denken und sprechen sie jetzt anders über Lukas Thelen. Sie wissen, dass er anders ist, aber sie staunen auch über seine besonderen Fähigkeiten.  "Natürlich bin ich anders“, sagt Lukas Thelen, „ aber alle anderen sind ja auch anders. Es gibt kein besser oder schlechter, alle Menschen sind verschieden."

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