Fehler sind Erkenntnis-Quellen

11.01.2016 | Tom Waesche

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Tom Waesche

Tom Wäsche ist Regionalleiter der NRD

Fehler sind Erkenntnis-Quellen

 „Aus Fehlern wird man klug“. Diese Volksweisheit trifft nur dann zu, wenn man bereit ist, aus Fehlern zu lernen! Diesem Zweck diente ein Erfahrungsaustausch Ende September in der Lazaruskirche. Dreißig KollegInnen aus verschiedenen Abteilungen trugen Erfahrungen zusammen, die in den vergangenen zehn Jahren bei der Realisierung von neuen Wohnprojekten gemacht wurden.

Innerhalb der letzten zehn Jahre sind zwanzig Wohnprojekte an zwölf verschiedenen Orten für 9 bis 46 Plätze entwickelt worden. Vorwiegend durch Neubauten, aber auch durch das Herrichten von Bestandsgebäuden sowie die Anmietung von einzelnen Wohnungen, konnten verschiedene neue Wohnprojekte für unterschiedlichste Wohngemeinschaften bis hin zu Einzelapartments realisiert werden. Mittlerweile wohnen bereits über 350 Menschen in den neuen Häusern.

Für eine Einrichtung, die sich bis dahin 100 Jahre nur an zwei Orten befand und alle Wohnplätze zentral in großen Häusern vorhielt, war das eine gigantische fachliche und organisatorische   Herausforderung für alle Beteiligten.

Viele Fragen mussten geklärt werden. Wo sollen Wohnangebote neu entstehen? Wie soll ein kleinteiliges und differenziertes Wohnangebot aussehen? Wie unterscheidet sich ein zeitgemäßes Wohnhaus für Menschen mit Beeinträchtigungen von einem Heim? Was benötigen Mitarbeiter, um ihre Arbeit gut zu gestalten? Was ist wirtschaftlich sinnvoll? Wie sieht die Zusammenarbeit zwischen den fachlichen Abteilungen bei der Realisierung eines Hauses aus? Wer wird wann eingebunden? Wie werden künftige BewohnerInnen beteiligt? Das waren Fragen, die in den letzten Jahren beantwortet werden mussten.

In vier Arbeitsgruppen werteten Mitarbeitende von der Bauabteilung, dem Immobilienmanagement, ehemalige Projektleitungen und   heutige Nutzer, sowie Andrea Delp vom Reinigungsservice und Kollegen von der IV miteinander ihre Erfahrungen aus. An vier Stationen wurde über die Wohnqualität, die Gebäude und Haustechnik, die Funktionalität im Alltag, sowie die Organisation des Projektablaufes diskutiert. Dabei wurden wertvolle Erkenntnisse ausgetauscht und festgehalten. Neben kritischen Gedanken wurde immer wieder deutlich, dass die regionalen Standorte für die meisten Bewohner eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität zur Folge hat und die KollegInnen gerne in der Region arbeiten. Wertvolle Anregungen gab es für bauliche Aspekte, z.B. die Größe der Büros, die Ausstattung der Sanitärbereiche und die Anordnung von Räumlichkeiten. So bietet z.B. die Kleinteiligkeit der Wohnungen den BewohnerInnen deutlich mehr Privatsphäre als früher. Das gemeinsame Wohnzimmer für zwei Personen mit dem persönlichen Lieblingssessel für jeden verströmt mehr Behaglichkeit und Ruhe als früher ein Zimmer für zwölf Menschen, in dem sich alle miteinander arrangieren mussten. Dadurch entstehen weniger Konfliktpotentiale untereinander, weil man sich nicht mehr mit so vielen Menschen streiten muss. Natürlich verändert sich die Arbeit der KollegInnen vor Ort dadurch erheblich. Man hat nicht mehr alles so im Blick wie früher. Daran muss man sich erst einmal gewöhnen. Die Verlagerung der Dienstzimmer aus den Wohnungen unterstreicht die Achtung vor der Privatsphäre der Bewohner, aber andererseits wird dadurch auch die Dokumentation oder das schnelle „Mal zwischendurch Erledigen“ von Bürokram erschwert. So verändert sich die Rolle der Mitarbeitenden in den neuen Häusern und viele gewohnte Arbeitsabläufe müssen neu gestaltet werden. Mit den Neubauten ist auch ein neuer Stand der Technik eingezogen. Die moderne Haustechnik bietet viele neue Möglichkeiten, wie z.B. automatisierte Verschattung, automatische Türen mit Türalarmierungen, Belüftungsanlagen etc.. Aber dann entstehen neue Fragen, z.B. welche Dinge werden sinnvoll wo eingesetzt und wie bedienungsfreundlich sind sie im Alltag? Hier wünschen sich die KollegInnen vor Ort mehr Unterstützung bei der Phase der Inbetriebnahme und bei der individuellen Einstellung der Technik sowie bei der Bewältigung von „Kinderkrankheiten“. Die Wohnqualität drückt sich in den Materialien und den vorhanden Räumlichkeiten aus. Wie werden die Pflegemöglichkeiten berücksichtigt und die Normen für Barrierefreiheit sinnvoll umgesetzt? Verbesserungsbedarf besteht bei der rollstuhlgerechten Einrichtung von Küchen.

„Projektstrukturen helfen kolossal, wenn man sie auch befolgt“ resümierte ein Teilnehmer für die Umsetzung von Projekten. Wann muss wer eingebunden werden? Wer wird bei den Planungen beteiligt? Wie gestaltet sich der Übergang von der Standortentwicklung zur Realisierung bis hin zur Inbetriebnahme? Und wie gelingt es, eine personelle Kontinuität bei den Projektbeteiligten über eine Dauer von mehreren Jahren sicherzustellen? Auch die Frage, wie wir   den Erfahrungs,- und Wissenstransfer von einem zum nächsten Projekt ermöglichen können, beschäftigte die Teilnehmer des Workshops. Einig waren sich alle darin, dass die Projektleitungen noch besser vorbereitet werden müssten und auch mehr Zeitressourcen brauchen, damit die Belastung neben dem Tagesgeschäft überhaupt zu stemmen ist.

In den nächsten Jahren wird die NRD noch weitere zehn bis 15 Bauprojekte realisieren. Dafür werden die Erkenntnisse des Workshops systematisch ausgewertet, um das Verbesserungspotential für die nächsten Jahre auszuschöpfen.

Sicherlich werden sich nicht alle Wunschträume erfüllen lassen, aber die Gewissheit, Fehler nicht als Versagen, sondern als Quelle der Erkenntnis zu sehen, unterstützt uns bei der Realisierung von allen neuen Projekten. Immerhin haben wir viele Gäste von weit her, die sich bei der NRD gerne die innovativen Wohnprojekte ansehen, um zu lernen, wie das zukunftsorientierte Wohnen von Menschen mit Behinderung aussehen kann.

Mitarbeitende aus verschiedenen Bereichen der NRD diskutieren über ihre Erfahrungen mit Regionalisierungsprojekten

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