Gedanken über Inklusion

15.06.2015 | Tobias Koch

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Tobias Koch

ist Blog-Autor der NRD und arbeitet in der Mühltal-Werkstatt 1 in Nieder-Ramstadt.

Gedanken über Inklusion

Mein wichtigster Gedanke ist: Das Menschen mit einer Behinderung normal umgegangen wird und nicht wie mit einem rohen Ei. Die schlimmste Barriere ist, Behinderung in den Vordergrund zu stellen. Für mich kommt die Behinderung eigentlich zuletzt. Zuerst der Mensch, sein Wesen, sein Charakter – und dann als kleiner Punkt am Ende die Behinderung.

Ich benutze einen Elektrorollstuhl. Wenn ich fremden Menschen begegne, herrscht meistens erstmal Schweigen. Oder genau umgekehrt: Mir wird sofort Hilfe angeboten. Ich sage dann Dankeschön, ich komme alleine zurecht. Ich bleibe dabei freundlich und höflich. Ich habe im Laufe der Zeit diese Umgangsform angeeignet, weil ich festgestellt habe: So wie ich anderen gegenüber auftrete, so reagieren sie dann meistens auch auf mich.

Seit Ende 2013 wohne ich alleine in einer barrierefreien Wohnung in Roßdorf. Dort bekomme ich nach Absprache, Morgens und Abends 1x mal 45 min. Hilfe bei der Allgemeinen Pflege von einem Pflegedienst „PflegeInklusiv Roßdorf“ Zum Beispiel heute, da gehe ich nach der Arbeit in der Mühltal-Werkstatt ins Bewegungsbad der NRD. Da brauche ich dann Assistenz. Wenn ich in die Stadt will, zum Beispiel zum Schlossgraben-Fest, komme ich allein klar, ich nehme den Bus.

Seitdem alle Welt von Inklusion spricht, ist es eher schwieriger geworden. Ich habe das Gefühl, dass alle meinen, sie müssten lieb und nett zu mir sein, weil ich behindert bin. Das passt mir überhaupt nicht.   Man kann behinderten Menschen gegenüber auch mal frech sein, wenn sie einem frech begegnen. Wir sind nämlich auch Menschen. Und keine besondere Art.

Mit Kindern finde ich es am besten. Wenn sie mit mir sprechen, ohne dass Erwachsene dabei sind, gucken sie ganz neugierig und unbefangen und fragen alles, was sie interessiert. meistens sind Eltern mit ihren Kindern anfangs mehr oder weniger zurückhaltend aber werde ich neugierig und offen angesprochen.

Es gibt noch viel zu wenig Kontakt zwischen Menschen mit und ohne Behinderung, zum Beispiel im Berufsleben. Dass sie NRD jetzt Betriebe aufbaut, wo alle miteinander arbeiten, das finde ich gut. Wichtig ist mir auch die direkte Kommunikation. Das wird immer weniger, weil alle mit Facebook und Twitter herummachen. Ich bin auch in Facebook, aber trotzdem ist für mich der unmittelbare Kontakt von Mensch zu Menschen immer das Schönste.

In meinem Haus wohnen Menschen mit und ohne Behinderung zusammen. Die fünf Wohnungen im Erdgeschoss sind barrierefrei und an Menschen mit Behinderung vermietet. Ich habe mich sehr bemüht, dort in Kontakt zu kommen. Das ist auch wichtig für mich, weil ich manchmal Hilfe gut gebrauchen kann. Zum Beispiel, dass mir jemand den Rollladen hochzieht oder die Wäsche aufhängt. Oder wenn ich ein Paket erwarte, dann bitte ich jemanden, das anzunehmen.

Ich finde, so etwas können Nachbarn gut füreinander tun. Ich habe einen WhatsApp-Account angelegt, der heißt „Tobi’s WG“. Alle im Haus können die App nutzen. Ich schreibe zum Beispiel, wenn ich zu viel eingekauft habe und frage, ob jemand etwas gebrauchen kann. Letztes Jahr an meinem Geburtstag haben Nachbarn von oben mir mit der Deko und mit der Grillkohle geholfen.

Man kann einen Menschen noch behinderter machen, als er sowieso schon ist. Das viele Behüten bringt uns nichts. Auch behinderte Menschen müssen Fehler machen und daraus lernen. Wenn man sie vor allem bewahrt, erleben sie nichts und lernen nicht viel.

Inklusion heißt für mich, dass alle teilhaben. Es muss nicht immer alles perfekt sein, damit behinderte Menschen teilhaben können. Statt einer Super-Rampe tut es auch eine Presspanplatte. Und wenn das auch fehlt, kann man mich auch gerne mal über die Schulter werfen und irgendwo hinein tragen.

1  Kommentar

  • Gabi
    16.06.2015 08:22 Uhr

    Hallo Tobias, ein sehr schöner Artikel ist das. Und wie recht du hast.

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  • Inklusion ...

    ... heißt für mich Integration von Menschen nicht nur ins Arbeitsleben, sondern in das gesellschaftliche Leben insgesamt. Vorangetrieben wird diese Entwicklung, wenn Menschen mit Behinderung möglichst überall sichtbar werden. 

    Inklusion ...
    Sonja Hauke,
    Personalleitung Caparol, Ober-Ramstadt
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