„Kuchenrock“ zum 10. Geburtstag

01.06.2016 | Marlene Broeckers

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Marlene Broeckers

Texterin und Pressereferentin der NRD

„Kuchenrock“ zum 10. Geburtstag

Das Musikfestival „Kuchenrock“ steht im Mittelpunkt der Jubiläumsfeier zum 10. Geburtstages im Wohnverbund Groß-Bieberau, der am 2. Juli begangen wird. „Kuchenrock“ ist eine eigene Erfindung des Wohnverbundes und steht natürlich in Verbindung mit Schebb der ersten und einzigen inklusiven Rockband der NRD. Schebb wurde 200x im Wohnverbund Groß-Bieberau gegründet und hat sich in Südhessen längst einen Namen gemacht.. Mitarbeitende und Bewohner äußern sich im Gespräch mit NRDbewegt! dazu, was den Wohnverbund ausmacht.

„Was man nie vergisst, ist der Wasserrohrbruch ganz am Anfang“, sagt Sebastian Knaut, einer der Bewohner der ersten Stunde, Mitglied des Heimbeirates „Interessenvertretung Wohnen (IWo) und einer der Sänger bei Schebb, „ der ganze Appartementbereich musste damals wieder ausziehen und nach oben ausweichen“. Was damals eher katastrophal war, ist heute eine lustige Erinnerung. Sebastian Knaut fühlt sich wohl in Groß-Bieberau: „Man kann hier gut einkaufen und auch mal weggehen, die Busverbindungen sind auch einigermaßen.“ Isabelle Dilthey, die Rollstuhlfahrerin ist, meint allerdings: „Der Ort ist noch nicht genug barrierefrei“. Sie hat einen Brief an Bürgermeister Edgar Buchwald geschrieben, denn sie hat Probleme, mit ihrem Elektro-Rollstuhl vom Wohnhaus in die Tagesstätte zu kommen.

Montags bis freitags geht in die Tagesstätte und verbringt dort den Tag in einer kleinen gruppe von sechs Personen. Früher hat sie in der Mühltalwerkstatt gearbeitet, „aber ich kam dort irgendwann nicht mehr zurecht“, sagt sie. In der TS Groß-Bieberau kocht die kleine Gruppe täglich ihr Mittagessen selbst und geht dafür auch einkaufen. Außerdem beschäftigen sie mit der handwerklichen Herstellung schöner Dinge: Taschen nähen und bedrucken, Modellieren, Collagen, Herstellung von Weihnachtsschmuck und Likören, die auf dem Weihnachtsmarkt verkauft werden, und vieles mehr.

Christoph Bode und Christoph Mahr haben mehr als nur ihre Vornamen gemeinsam. Sie wohnen zusammen in der Wohngruppe 3, sie arbeiten beide in der Mühltalwerkstatt, spielen bei mit bei Schebb und tragen die gleichen silbernen Ringe. Sie sind nämlich seit 2008 verlobt. Am Nordseestrand auf der Insel Föhr gaben sie sich das Versprechen, Oksanna Krannich, heute Teamleiterin der Wohngruppen 3 und 4, begleitete sie beim Aussuchen der Ringe.

Beide haben im Wohnverbund feste Aufgaben übernommen: Christoph Mahr, der im landschaftsbau der Mühltalwerkstatt tätig ist, kümmert sich um die Blumen im Garten, Christoph Bode sorgt für Ordnung im Müllhäuschen.

Gutes Miteinander

"Ich bleibe hier bis zur Rente“, sagt Oksanna Krannich, „das hier ist meins, mit Herz, Leib und Seele.“ Mit dem Wohnverbund Groß-Bieberau, ihrer ersten Arbeitsstelle in Deutschland, hat die Biologie- und Chemielehrerein aus der Ukraine gleich ins Schwarze getroffen. 2006 hat sie sich als Mitarbeiterin beworben und wurde nach einem kurzen Praktikum eingestellt. Seit 2013 ist sie Teamleiterin für die Wohngruppen 3 und 4: „Zwei wunderbare Gruppen.“

„Mich kriegt hier auch keiner weg“, sagt Sybille Mierau-Brinson, ehemals Sekretärin an der Fachschule für Heilerziehungspflege in der NRD. Seit dem Start 2006 gehört sie als Assistentin im Wohnverbund. Das gute Klima, das sie selbst als Ansprechpartnerin für alle mitprägt, weiß sie zu schätzen: „Es ist ein schönes Miteinander unter KollegInnen und BewohnerInnen, geprägt von großer Toleranz“, sagt sie.
Fachberaterin Andrea Scharle, sie ist seit 2008 dabei, teilt dieses Empfinden: „Der Zusammenhalt drückt sich auch in den vielen gemeinsamen Aktivitäten aus. Wir feiern gern und viel, sei es Kuchenrock, Oktoberfest, Sankt Martin, Adventspunsch, Weihnachtsmarkt oder die Eröffnung und der Abschluss der Grillsaison im Garten.“ Nicht nur bei all diesen Anlässen ist Hausmeister Hans-Ludwig Wembacher unersetzlich: „Er passt super zu uns“, finden alle, „er übernimmt viel Verantwortung und geht äußerst wertschätzend mit den Menschen um.“                                         

der NRD-Wohnverbund Groß-Bieberau

Gemeinsam vorwärts

Begeistert von ihrem Job ist auch Marianne Lehrian, die 2013 als Wohnverbundsleiterin von Erbach nach Groß-Bieberau wechselte: „Das ich hier so schnell ankommen würde, habe ich nicht erwartet. Was mir hier gefällt, ist die große Bereitschaft, sich gemeinsam weiter zu entwickeln.“ Beispiele hierfür sind die Entwicklung einer Hospizkultur seit 2013 mit Fortbildungen für KlientInnen, wie „Umgang mit Tod und Sterben“. Christine Mitdank vom Fachdienst Pflege nimmt zurzeit an der Ausbildung zur Palliativ-Fachkraft teil und gibt ihr Wissen an interessierte MitarbeiterInnen und BewohnerInnen weiter. Niemand, der hier wohnt, soll zum Sterben in ein Krankenhaus gehen müssen – das ist das Ziel, das der Wohnverbund in Kooperation mit Ärzten, Palliativteams und der Stabsstelle Diakonie sich gesteckt und auch schon mehrmals erreicht hat. Eine weitere Fortbildung für KlientInnen „Ziele und Träume haben“ wird zurzeit konzipiert.

Kleinere Wohneinheiten – weniger Konflikte

Wie stehen die Nutzer zur Größe der Wohneinrichtung, die damals etwa zeitgleich mit Mörfelden und Erbach eröffnet wurde und ebenso wie diese 48 Plätze hat? „Für einen Teil der BewohnerInnen ist diese Größenordnung gut“, meint Fachberaterin Andrea Scharle, „wer sich nicht ohne Assistenz fortbewegen kann, profitiert davon, dass immer eine gewisse Anzahl von Leuten da ist und immer irgendwo etwas los ist.“ Die Größe des Komplexes mit Wohnhäusern und Tagesstätte findet Marianne Lehrian unproblematisch: „ Viele Menschen leben auch in großen Gebäuden - wichtig wäre es, die Wohneinheiten zu verkleinern. Wir haben hier neben dem Apartmentbereich für fünf und einer WG für acht Personen zwei Gruppen für je 12 und eine Gruppe für 11 Personen. Das ist zu viel, diese Größe bringt zwangsläufig Konflikte mit sich. Hilfreich wäre es, in diesen großen Gruppen je zwei Plätze weniger zu haben und die gewonnen Räume zu kleinen Küchen umzugestalten. So hätten jeweils drei oder vier Personen eine Wohnküche für sich, in dem sie sich ungestört aufhalten und essen können.“

Christoph Bode bestätigt diese Einschätzung aus eigener Erfahrung: „Auf unserer Gruppe wohnt eine junge Frau, die wird jeden Abend von ihren Eltern besucht. Die sitzen dann oft mit am Tisch, aber sie fragen uns gar nicht, ob uns das auch gefällt. Das ist doch unsere Wohnung und uns gefällt das nicht.“

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