„Man war immer präsent – Tag und Nacht“

23.07.2015 | Marlene Broeckers

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Marlene Broeckers

Texterin und Pressereferentin der NRD

„Man war immer präsent – Tag und Nacht“

Text: Wulf-Dieter Gammert

Mit 20 entschloss ich mich, ein diakonisches Jahr in Bethel zu machen. Danach begann ich mit meiner fünfjährigen Ausbildung zum Diakon in der Bruderschaft Nazareth in Bethel. Sie umfasste theologische Fächer und das Erlernen der großen Krankenpflege. Nach dem Abschluss wurde ich nach Nieder-Ramstadt entsandt. Ich habe meine Sachen gepackt und bin hierhergekommen. Meine Arbeit begann ich am 1. April 1967 im Bodelschwingh-Haus auf der Bubenstation 3b mit 23 Jungs im Alter von 7 bis 12 Jahren. Ich war vor allem zuständig für acht schwerst- und mehrfach behinderte Jungen. Die Kinder hielten sich tagsüber entweder im Tagesraum oder im Flur auf, alles war sehr beengt. Es gab einen kleinen eingezäunten Innenhof, Bubenhof genannt. Nur drei bis vier der Buben besuchten die Schule.

Unruhige Kinder wurden fixiert, einige trugen zeitweise Handschuhe aus Leder, zum Beispiel dann, wenn sie ihre Kleidung zerrissen. Der Geräuschpegel war hoch. Möglichst oft hielten wir uns mit den Kindern im Freien auf oder gingen mit ihnen in den Wald. Da konnten sie sich bewegen und austoben. Wir sammelten manchmal Obst, um das Essen ein wenig abwechslungsreicher zu gestalten. Im Sommer stellten wir ein Planschbecken im Garten auf, was die Kinder sehr genossen. Ich arbeitete sechs Tage am Stück, hatte einen halben Tag frei und erst das darauffolgende Wochenende ganz für mich zur Verfügung. Das war auch in Bethel so. Große Ansprüche hatte man nicht.

Ein Beitrag aus:

"Aussortiert – Leben außerhalb der Gesellschaft"

"Aussortiert – Leben außerhalb der Gesellschaft"

Die Nieder-Ramstädter Heime nach 1945
Herausgeber Stiftung Nieder-Ramstädter Diakonie
Mühltal 2014, 24 Euro, ISBN: 978-3000447112

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Mein Tag begann um 6.45 Uhr mit einer Andacht im Brüderzimmer. Ab 7 Uhr badete ich meine acht Buben und kleidete sie an. Danach reichte ich ihnen das Frühstück. Um die anderen 15 Jungs kümmerten sich zwei Diakone, sie wurden unterstützt von zwei mithelfenden Pfleglingen. Morgens wurde die Station sauber gemacht, die Stoffwindeln ausgewaschen und Oberbekleidung ausgebürstet. Es war wenig Zeit, um mit den Kindern zu spielen. Nach dem Mittagessen konnte ich für zwei Stunden in die Pause gehen. Danach arbeitete ich weiter bis zur Ablösung durch die Nachtwache um 19 Uhr. Kooperationen zwischen den Stationen gab es nicht. Man hat sich untereinander ausgeholfen, aber im Grunde genommen war jeder für sich. Gewohnt habe ich im zweiten Obergeschoss. Hier befanden sich die Hauselternwohnung und Personalzimmer. Dazwischen lag eine Station für ältere Männer. Ich fand es angenehm, mit den anderen Kollegen abends zusammen zu sein und manches gemeinsam zu unternehmen. Wir waren eine Lebens- und Dienstgemeinschaft.

Als ich jung verheiratet war, bot man mir als stellvertretendem Hausvater die Hauselternwohnung an, denn der damalige Hausleiter wohnte außerhalb. Man war immer präsent – Tag und Nacht. Es kam vor, dass ein Bewohner klingelte, um die Post von zu Hause zu zeigen. Im Rahmen des diakonischen Auftrags sprach man damals von „unseren Kranken“. Man glaubte zu wissen, was für die Menschen gut ist. Es gab ein System von Lieblingen und weniger Geliebten innerhalb der Stationen. Schwierig wurde es, als 1971 zwölf Diakone die Einrichtung verließen. Die Lücken wurden mit unqualifizierten Kräften besetzt, und es dauerte lange, bis diese Leute nicht mehr da waren.

1976 wurde mir die Leitung des Hauses Fliedner übertragen. Dort lebten nach einer grundlegenden Sanierung damals 122 Frauen in sechs Wohngruppen. Außerdem war im Keller des Hauses der Hauptteil der Werkstatt untergebracht, im Erdgeschoss arbeitete die Verwaltung und ein Teil des Arztbereiches. Im Saal und in den angrenzenden Räumen war die Cafeteria. Eine Etage höher befanden sich das Sitzungszimmer für die Leitungsgremien und weitere Teile des Arztbereiches. Das Haus platzte buchstäblich aus den Nähten.

Den Amtswechsel des leitenden Pfarrers 1981 erlebte ich als Aufbruch. Es begann ein partnerschaftliches Denken. Wir nahmen dankbar Impulse von außen auf, etwa von Fortbildungen der Lebenshilfe. Die eigentliche pädagogische Arbeit fand im Kinder- und Jugendbereich statt. Da waren fachlich qualifizierte Leute. Erst Ende der 80er-Jahre suchten immer mehr Pädagogen eine Tätigkeit im Erwachsenenbereich. Zug um Zug bekamen die Menschen mit Behinderung eine kontinuierlichere Betreuung und Förderung und konnten breit gefächerte Angebote wahrnehmen. Ich staune, was aus vielen geworden ist, die früher verwahrt wurden und heute sehr differenziert ihr eigenes Leben führen. Mit Eröffnung des Hauses Arche und dem Auszug der Verwaltung gab es Anfang der 80er-Jahre im Fliedner-Haus in mancher Beziehung Luft. Die zunehmend freien Räumlichkeiten gaben auch gestalterische Freiräume. Ich bin heute dankbar, dass diese Freiräume von vielen Mitarbeitern in großer Vielfalt genutzt wurden.

Man mag aus heutiger Sicht vieles kritisieren, wie Menschen mit Behinderung damals lebten und versorgt wurden. Dabei sollte das hohe Engagement vieler Mitarbeiter nicht übersehen werden. Auf christlichen Glauben wurde viel Wert gelegt. Er wurde nach heutigen Gesichtspunkten jedoch oft anders interpretiert.

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