Mitarbeit fordern, um Lernen zu fördern: Was heißt Selbstbestimmung für die Arbeit in den Tagesstätten?

13.10.2017 | Kerstin Bergsträßer und Susanne Nold

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Kerstin Bergsträßer und Susanne Nold

Mitarbeit fordern, um Lernen zu fördern: Was heißt Selbstbestimmung für die Arbeit in den Tagesstätten?

„Ich will arbeiten!“, sagt Anton*, Beschäftigter der Tagesstätte Mühltal, als er am Morgen mit seinem Rollstuhl durch die Eingangstür der Tagesstätte rollt. „Oh prima, was möchtest du denn heute arbeiten?“, fragt ihn Mitarbeiterin Susanne. „Ich will Kartons zerreißen!“, sagt Anton.

Eine so konkrete Vorstellung von der Arbeit in der Tagesstätte haben nur wenige Beschäftigte, vor allem können sich nur sehr wenige verbal so deutlich mitteilen. Die meisten kommunizieren nonverbal in vielerlei Varianten. Für die Mitarbeiter ist dies Alltag, sie beobachten ihre Klienten sehr genau und sind bemüht, trotz aller Schwierigkeiten in der Kommunikation herauszuhören, was die Beschäftigten mitteilen möchten und welche Wünsche sie haben.

Eines der wichtigsten Hilfsmittel ist dabei die Unterstützte Kommunikation, die in allen Gruppen eingesetzt wird. Anhand von Tagessplänen wird mit Hilfe von Symbolkarten, Fotos und Objekten die Gestaltung des Tages gemeinsam besprochen. Auch Gebärden werden genutzt, außerdem verschiedene elektronische Geräte, mit deren Hilfe auch Menschen, die nicht sprechen, etwas „sagen“ können.

„.. wenn er net will, dann muss er net!“

„Was können die Beschäftigten der Tagesstätte denn überhaupt selbst bestimmen?“ werden wir oft gefragt. Dazu ein Beispiel aus dem Alltag: Rudi soll jeden Tag den Müll rausbringen, das ist seine Aufgabe in der Gruppe. Es wird darauf geachtet, dass es verbindlich geschieht. Max, Auszubildender für Heilerziehungspflege, fragt Rudi mit vielen umschreibenden Worten, ob sie gemeinsam den Müll herausbringen wollen. Rudi schaut kurz auf und wendet den Blick ab. Max wirkt ratlos: „Und nun?“, fragt er seine Praxisanleiterin Kerstin. „Nun bringst du heute den Müll allein raus. Denn du hast Rudi gefragt, und seine Antwort war klar. Das musst du akzeptieren. Morgen versuchst du es mal so: Statt zu fragen, forderst du ihn freundlich und in klaren, einfachen Worten auf, den Müll rauszubringen, am besten unterstrichen mit einer Geste/Gebärde Richtung Mülleimer.“ Wo bleibt denn da die Selbstbestimmung? Werden Menschen in der Tagesstätte etwa „zur Arbeit gezwungen“? 

Angemessene Haltung

Was heißt Förderung der Selbstbestimmung angesichts unseres Auftrags, Arbeitsprozesse zu gestalten und Mitarbeit zu ermöglichen? Kerstin erklärt es Max: Rudi bringt jeden Tag den Müll mit einem Mitarbeiter raus. Ein anderer Beschäftigter die Wäsche. Der nächste den Essenswagen. Dies sind Alltagsaufgaben im hauswirtschaftlichen Bereich, auf deren gemeinsame Erledigung wir großen Wert legen. Feste Aufgaben geben Struktur, und in einer Gruppe kann jeder etwas für den anderen tun. So fördern wir das Miteinander. 

Auffordern statt fragen

Wenn man Rudi fragt, ihm also die Möglichkeit gibt, selbstbestimmt zu wählen, und er nicht aufsteht und mitkommt, kann dies verschiedene Gründe haben. Vielleicht ist er gerade zu bequem, wie wir alle es oftmals sind. Oder er „versteht“ den Auftrag nicht. Vorausgesetzt, dass es Rudi gesundheitlich gut geht, und ich es wichtig finde, dass er seine Arbeit erledigt, muss ich ihn auffordern, statt zu fragen.

"Ich fordere dich, weil ich dich achte." – Anton S. Makarenko

Die Grenzen der Fähigkeiten des Einzelnen zu (er)kennen, ist eine sehr wichtige Anforderung im Alltag. Doch jemanden im Sinne des russischen Pädagogen Makarenko wertzuschätzen, bedeutet auch, sein Potential zu sehen und ihm etwas  zuzutrauen. Wir fordern also eine Mitarbeit ein, um ein Lernen zu ermöglichen. Lernen schafft neue Entwicklungsmöglichkeiten, und führt zu mehr Selbstständigkeit. Um selbstständig zu entscheiden, muss man verschiedene Optionen kennen – nur so nähert man sich der Selbstbestimmung. Natürlich verlangt diese Haltung von den Mitarbeitenden eine konsequente Haltung und eine hohe Verbindlichkeit. Denn Lernen findet bei unseren Beschäftigten über ständige Wiederholung und viel Geduld und Zeit statt. „Jemanden da abholen, wo er steht“, auch dies ist ein Grundsatz für die Arbeit mit den Beschäftigten der Tagesstätte.

Kleine Wahlmöglichkeiten

Wie gestaltet man nun Mitbestimmung am Arbeitsplatz? Mit der Orientierung über den Tagesablauf und Kenntnis der Angebote im Gepäck entstehen Wahlmöglichkeiten: Welches Arbeits- oder Bildungsangebot möchte ich wahrnehmen? Möchte ich schneiden oder rühren? Drinnen oder draußen arbeiten? Welcher Mitarbeiter soll mit mir arbeiten? Diese Optionen müssen immer wieder auf den Beschäftigten zugeschnitten kommuniziert werden. Der Rahmen der Selbstbestimmung muss für die meisten KlientInnen der Tagesstätte von den Mitarbeitern gesteckt werden.

„Die Freiheit des Einzelnen endet da, wo die des Anderen beginnt.“ – Immanuel Kant     

Es gibt aber auch viele Beschäftigte, die kognitiv in der Lage sind, ihr Handeln passend zu ihren Bedürfnissen einzusetzen. Oder die gezielt handeln, um Macht über kognitiv schwächere Beschäftigte auszuüben. Für diese Personen wurde vor 20 Jahren das erste Intensivteam der Tagesstätte gebildet.

Um Menschen mit herausfordernden Verhaltensweisen und Autismus sicher durch den Tag zu begleiten, sind klare und verbindliche Strukturen sehr wichtig. Es gibt Regeln im Miteinander des Alltags, und Konsequenzen, wenn man gegen diese verstößt. Dies mag für Außenstehende rigide wirken. Doch auch hier erfahren die Beschäftigten viel Wertschätzung, da man ihre eigenen Belastungsgrenzen, die sie oft nicht einschätzen können, für sie wahrt und präventiv eingreift, bevor ein Konflikt ausbricht.

Kleinste Erfolge feiern

Wenn ein Beschäftigter sich und/oder andere in Gefahr bringt, weil er die Folgen seines Handelns kognitiv nicht absehen kann, sind die Mitarbeiter gefragt, um regulierend einzugreifen. Dann müssen Konsequenzen deutlich gemacht, alternative Handlungswege aufgezeigt und die daraus entstehenden Möglichkeiten geklärt werden.

Wir als Mitarbeiter in der Tagesstätte bezeichnen uns oft – scherzhaft, aber treffend – als „Animateure“. Wir motivieren, bereiten Themen und Arbeitsschritte oft spielerisch auf, feiern auch die kleinsten Erfolge und begleiten über Hemmschwellen.  Denn oft braucht es nur einen kleinen Impuls und ein wenig Zeit… und auch Rudi fordert auf einmal seine Arbeit ein!

*Mitarbeitende und Beschäftigte in der Tagesstätte Mühltal duzen sich. Deshalb verwenden wir in diesem Artikel nur Vornamen.

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Die Tagesstätten der NRD haben einen gemeinsamen Auftrag: Seit 2011 wird die „Konzeption Arbeit und Bildung“ verbindlich umgesetzt. In der Konzeption heißt es: „Arbeit und Bildung sind für jeden Menschen wichtig, sie sind sinn-stiftender Inhalt des Lebens und ermöglichen die Einbettung des Einzelnen in eine Gemeinschaft von Arbeitenden, die sich auf der inhaltlichen Ebene begegnen durch ihre Tätigkeit im gleichen Arbeitsbereich, am gleichen Produkt, an der gleichen Dienstleistung. Arbeit strukturiert den Alltag und ermöglicht fortlaufend Lernprozesse. Sie dient nicht nur dem Gelderwerb, sondern auch der Persönlichkeitsentwicklung und baut das Selbstwertgefühl auf. Arbeit ermöglicht, soziale Anerkennung zu erfahren.“  

 
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    ... das heißt, dass Menschen mit unterschiedlicher Leistungsfähigkeit gemeinsam in einem Industriebetrieb zusammen arbeiten können. Jeder Mensch hat Fähigkeiten, die gefördert und genutzt werden sollen. 

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    Harald Plößer,
    Fertigungsleiter der Fa. Riegler, Mühltal
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