Miteinander spielen, miteinander reden

02.07.2018 | Marlene Broeckers

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Marlene Broeckers

Texterin und Pressereferentin der NRD

Miteinander spielen, miteinander reden

"Wenn alle kommen, werden es heute sieben plus eins, also acht Kinder“, sagt Elke Englert-Asmar, nachdem sie den kleinen Patrick* und seine Mutter begrüßt hat. Die beiden sind die ersten, die an diesem Tag zur Eltern-Kind-Gruppe in der Frühförder- und Beratungsstelle der NRD in Groß-Gerau gekommen sind. In den nächsten 20 Minuten kommen die anderen Kinder mit ihren Müttern an, ziehen die Schuhe aus, suchen sich einen Platz auf dem Boden oder einem der Kinderstühle und warten ab, was die Kleinen heute so machen werden. Die Eltern-Kind-Gruppe gehört zum festen Angebot der Frühförderstelle für Kinder ab Geburt bis zur Kita. Kinder mit Entwicklungsverzögerungen und Behinderungen können hier lernen, mit Gleichaltrigen in Kontakt zu kommen. Eltern können andere Eltern kennenlernen, sich austauschen und manchmal heiße Diskussionen führen. 

Tatsächlich, gegen zehn Uhr sind sieben plus eins Kinder da, denn Lorenzo darf seinen Zwillingsbruder Luigi mitbringen. Und neben der Zwillingsmutter ist auch die Nanny dabei. Seit Dezember begleitet sie die alleinerziehende Mutter mit ihren Kindern montags bis freitags. Auch alle anderen Kinder – zurzeit ausschließlich Jungs – kommen mit ihren Müttern. Und alle bleiben zunächst nahe bei ihnen. 

Die meisten der Kinder sind Frühchen. Patrick kam in der 26. Woche zur Welt. „Was auch immer die Gründe waren – es kam Verschiedenes zusammen – es war offenbar sein richtiger Zeitpunkt“, berichtet seine Mutter, die 30 Jahre alt ist und sich ein zweites Kind wünscht. „Patrick ist ziemlich fit und macht große Fortschritte.“ Auch Kadir kam 14 Wochen zu früh auf die Welt. Er ist sehr lebhaft und scheint genau zu wissen was er will. Und Mama ist zuständig, dafür zu sorgen, dass er es auch bekommt. Das klappt aber nicht unbedingt. Mehrmals läuft Kadir zum großen Wandschrank, hinter dem noch viele weitere Spielsachen lagern. Doch die Mutter lockt ihn zurück zur bunten Autorennbahn. „Ein Geschenk, so etwas würden wir nicht unbedingt anschaffen“, sagt Elke Englert-Asmar, „aber die Kinder lieben es.“ Klar, die Bahn, auf der man Autos heruntersausen lassen kann, ist schön bunt – und manche Autos können sogar sprechen.

Es ist ein ruhiges Miteinander. Einige Mütter kennen sich schon aus der Zeit, bevor sie in der Eltern-Kind-Gruppe einen Platz bekamen. Zur Überbrückung bot die Frühförderstelle ihnen zehn gemeinsame Termine in einer Marte-Meo-Gruppe an. Marte-Meo ist Latein und bedeutet „aus eigener Kraft“. Bei dieser Methode werden Situationen zwischen Eltern und Kind per Video gefilmt und später genau analysiert. Dabei fällt in der Regel Vieles auf, was die Kinder schon aus eigener Kraft tun können. „Ziel ist, den Eltern zu zeigen, was ihre Kinder alles können“, erklärt die Sozialpädagogin. „Oft genug liegt ja der Fokus bei entwicklungsverzögerten Kindern darauf, was sie nicht können. Marte Meo kann zeigen, welche Schritte schon gegangen wurden und wie man den nächsten Entwicklungsschritt gut unterstützen kann.“

Anders als heute, wo Mütter und Kinder meist zusammenbleiben, gelingt es an anderen Tagen, dass Elke Englert-Asmar die Kinder miteinander verbindet und ein erstes, gemeinsames Spiel anbietet. Dann haben die Mütter die Möglichkeit, sich auszuklinken und miteinander ins Gespräch zu kommen. Da geht es auch manchmal um sehr tiefgreifende Themen wie etwa die traumatischen Geburten, Erfahrungen mit Kliniken oder die Frage, wie die Väter mit der Diagnose für ihr Kind umgehen.

„Ich habe den Eindruck, dass die Gesellschaft offener wird für das Thema Behinderung“, sagt Elke Englert-Asmar, die seit 2002 in der Frühförderstelle tätig ist. „Noch vor zehn Jahren haben Eltern mit behinderten Kindern die Öffentlichkeit eher gemieden. Das hat sich verändert.“

Die Mutter von Lorenzo und Luigi wünscht sich, dass die Zwillinge ab dem nächsten Jahr einen Waldkindergarten in Mörfelden besuchen: „Angemeldet sind sie schon, ich hoffe, es klappt, dass Lorenzo dort einen Integrationsplatz bekommt. Die beiden sind so gerne in der Natur und wir haben wegen vieler Termine viel zu wenig Zeit, draußen zu sein.“

Was hat denn ihr Kind? Man kommt in dieser Gruppe gar nicht auf die Idee, eine solche Frage zu stellen. Denn man sieht, dass sie sehr viel haben, vor allem Lebensfreude. Das gilt auch für Linus, der sein Leben bislang liegend verbringt. Er hat einen Zwillingsbruder, bei dem alles okay ist. Linus aber kam mit einem Herzfehler zur Welt, hat viel Zeit im Krankenhaus verbracht und wird zurzeit noch per Sonde ernährt. „Er kann schon schlucken, aber er tut es nicht. Wir üben es langsam, das wird wieder“, sagt seine Mutter. Linus lacht sie an, er ist ein sehr fröhlicher Mensch. Ebenso wie Keyhan, der ein absoluter Sonny-boy ist. „Ich habe fünf Kinder, sie sind alle so“, sagt Keyhans Mutter lächelnd. 

Es ist gut, dass mit dem neuen Bundeteilhabegesetz jetzt auch die ICF in Deutschland in den Vordergrund rückt. ICF ist die amerikanische Abkürzung für die internationale Betrachtung von Gesundheit, Krankheit und Behinderung. Die Situation eines Menschen soll der ICF zufolge mit der Frage betrachtet werden: Welche Unterstützung braucht dieser Mensch, um sein Leben wie jeder gesunde Mensch führen zu können? Diesen Unterstützungsbedarf zu klären, selbst etwas anzubieten und Eltern die Möglichkeiten von Beratung, Diagnose und Behandlung aufzuzeigen – dazu ist die Frühförderstelle da. Wertvolle Arbeit!

*Namen aller Kinder geändert

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