Über 100 Kilometer auf dem Jakobsweg

07.10.2016 | Marlene Broeckers

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Marlene Broeckers

Texterin und Pressereferentin der NRD

Über 100 Kilometer auf dem Jakobsweg

Nur wer mindestens 100 Kilometer zu Fuß auf dem Jakobsweg gegangen ist, darf sich als Jakobspilger bezeichnen. Sharon Jäger, Daniela Hoffsümmer und Florian Winkler – alle drei sind Beschäftigte der Mühltal-Werkstätten – haben das geschafft. Darauf sind sie stolz.

Alle drei wohnen in Wohngemeinschaften in Ober-Ramstadt und werden von Mitarbeitern des Betreuten Wohnens vom dortigen „Waldhof“ betreut. Der Profiwanderer Heribert Hein und seine Kollegin Ellen Gottwald waren auf die Idee gekommen, „Zehn Tage wandern auf dem Jakobsweg“ als Urlaubsangebot anzubieten. „Es hieß, wer mitkommen will, muss fit und gut zu Fuß sein und auch Ausdauer haben“, erzählt Sharon Jäger, 25, die in der Großküche Nieder-Ramstadt arbeitet. Sie und ihre Freundin Daniela Hoffsümmer, 25, trauten sich das zu, ebenso Florian Winkler, 32, der wie Daniela in der Digitalisierungsgruppe der Mühltal-Werkstätten arbeitet. Zwei weitere Bewohner des Waldhofs schlossen sich an, eine Freundin des Hauses war bereit, als dritte Begleitperson mitzufahren. So startete die Gruppe am 7. Juni nach Porto (Portugal) und machte sich einen Tag später auf den Weg.

„Wir wussten nicht viel über den Jakobsweg und haben uns vorher ein bisschen informiert“, sagt Florian Winkler. Jakobswege führen durch ganz Europa. Gemeinsames Ziel ist der Wallfahrtsort Santiago de Compostela, wo angeblich das Grab des Apostels Paulus liegt. Jakobus der Ältere war einer der zwölf Jünger Jesu. Der Legende nach ging er gleich nach Christi Himmelfahrt in die römische Provinz Hispania, das heutige Spanien, um dort zu missionieren – allerdings mit wenig Erfolg. Er kehrte nach Palästina zurück und wurde dort schließlich auf Befehl des Königs Herodes Agrippa I. von Judäa im Jahre 44 geköpft. Unterschiedliche Legenden erklären, wie die Gebeine des Jakobus anschließend nach Spanien gelangten und als Reliquien dort beigesetzt wurden, wo sich heute die Stadt Santiago de Compostela befindet. Seit dem Mittelalter pilgern Menschen dorthin, eine starke Wiederbelebung der Pilgerfahrten begann in den 1970er Jahren. 1985 wurde Santiago de Compostela von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt, der Camino de Santiago (Jakobsweg) wurde 1987 zum ersten europäischen Kulturweg erhoben.

Heribert Hein, der früher schon den Jakobsweg gewandert ist, suchte die Routen und die Übernachtungsquartiere aus, wie Florian Winkler berichtet. „Wir sind nicht über die Hauptwege gegangen, wo tausende Menschen unterwegs sind, und wir haben auch nicht in Turnhallen geschlafen“, sagt er. „Es waren schöne Ferienhäuser, die am Weg lagen, da waren wir unter uns, einmal hatten wir sogar ein Haus mit Schwimmbecken“, ergänzt Sharon Winkler. Neun Tage hatten sie Zeit zum Wandern, und jeden Tag sollten rund 15 Kilometer geschafft werden. Damit das klappte, fuhr die Gruppe auch einige Strecken mit dem Bus. „Es war ganz schön anstrengend“, sagt Daniela Hoffsümmer, „wir mussten ja auch unsere Rucksäcke tragen“. Wichtig war auch, stets auf die Quellen am Weg geachtet werden, damit man die Trinkflaschen mit Wasser auffüllen konnte.

Über ein kleines Drama mit gutem Ausgang berichtet Sharon Jäger: „Bei einer Trinkpause habe ich meine Handtasche liegen lassen, mit Geld, Bankkarte und allen Ausweisen drin. Sie wurde zwei Tage später von einem Pilger gefunden, zur Polizei gebracht und an meine Eltern in Babenhausen geschickt, alles war noch drin.“

Ein nächstes Mal auf dem Jakobsweg wird es für sie so schnell nicht geben. „Erst mal nicht, ich bin froh, dass ich es geschafft habe. Und meine Eltern sind stolz auf mich, sie haben es mir nicht wirklich zugetraut.“ Daniela Hoffsümmer nickt, ihr geht es ähnlich. Florian Winkler wäre nicht abgeneigt, es wieder zu versuchen: „Ich habe mich sofort angemeldet, weil ich dachte, das ist eine Chance, die vielleicht nicht wiederkommt. Sechs Wochen vorher habe ich mir noch den Fuß verstaucht und dachte, jetzt kann ich gar nicht mit. Aber es ging alles gut, wir hatten ja auch gute Wanderschuhe.“

Die Kathedrale von Santiago de Compostela haben die Wanderer voller Andacht besichtigt. Sie bestaunten den berühmten Botafumeiro, das 1,60 Meter hohe Weihrauchfass, das an einem 30 Meter langen Seil von der Decke hängt und an hohen Feiertagen oder auf Bestellung durch das Querschiff geschwenkt wird. Außer seiner üblichen Funktion in der Liturgiefeier diente der Botafumeiro dazu, den Geruch der Pilger zu neutralisieren, welche nach ihrer Wallfahrt auf dem Jakobsweg eine ganze Nacht wachend und betend in der Kathedrale verbrachten.

Auch eine Statue, die den Apostel Jakobus darstellt, befindet sich in der Kirche. „Ich habe meine Hand auf den Kopf von Jakob gelegt“, erzählt Daniela Hoffsümmer, „das hat ein Priester gesehen, der gerade in der Kirche war. Er kam zu mir und legte seine Hand auf meinen Kopf. Warum, das weiß ich nicht.“ Sharon Jäger weiß es: „Er hat dich gesegnet.“

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