Samins Geburtstag: Ich bin hier, um am Leben zu sein

22.12.2015 | Marlene Broeckers

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Marlene Broeckers

Texterin und Pressereferentin der NRD

Samins Geburtstag: Ich bin hier, um am Leben zu sein

Heiliger Abend 2015. Christen in aller Welt feiern die Geburt des jüdischen Kindes Jesus von Nazareth. 50 Millionen Menschen sind weltweit derzeit auf der Flucht vor Krieg, Hunger und Armut. 38 Millionen Menschen arbeiten als Sklaven. Zusammengezählt ergeben diese Zahlen etwa die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland. Das sind Zahlen, die vielleicht falsch sind. Tatsächlich sind sie höher. Oder niedriger. Zahlen sagen nichts. Nur Menschen, die uns gegenüber stehen, können uns etwas sagen. Das tut Samin R.

Samin wird am Heiligen Abend 19 Jahre alt. Er ist 1996 in Afghanistan geboren und von dort in diesem Jahr geflohen. Seit August ist er in Deutschland und wohnt jetzt in der Gemeinschaftsunterkunft in Mühltal. Samin ist Muslim, die Weihnachtstage sind für ihn keine Feiertage. Sein 19. Geburtstag ist für ihn erste, den er weit weg von seinen Lieben verbringt. „Mit meiner Mutter habe ich seit August zweimal telefoniert“, sagt er, „es macht mir Schmerzen, ich weiß nicht, wie es ihnen geht und was meine Geschwister machen“.

Der junge Mann versucht, alles auf Deutsch zu sagen. Manchmal stockt er, sucht nach Worten, die er dann auf Englisch findet. Englisch spricht er flüssig, Paschtu und Farsi perfekt. Auf Deutsch kann er sich schon gut unterhalten, obwohl er erst seit fünf Monaten hier ist. „Deutsch zu lernen, ist mein erstes Ziel“, sagt Samin.

Sechs  Lehrkräfte der NRD-Wichernschule unterstützen ihn und ein Dutzend andere junge Afghanen dabei. Ehrenamtlich unterrichten sie im Wechsel zweimal die Woche Deutsch in der Schule für Lernhilfe, wo ansonsten rund 150 Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung unterrichtet werden.

Silke Boysen, Konrektorin der Wichernschule, und ihre Kollegin Petra Glöckner erwarten ihre Schüler am letzten Freitag vor den Ferien um 13 Uhr, um dann 90 Minuten lang mit ihnen Deutsch zu machen. Die acht jungen Männer erscheinen pünktlich und setzen sich im Halbkreis um zwei Schulbänke mit dem Blick zur Tafel. Petra Glöckner und Silke Boysen teilen die Namensschilder aus und fragen nach dem einen oder anderen, der heute nicht da ist. Samin gibt Auskunft. Von allen in der Runde kann er sich schon am besten ausdrücken und übersetzt auch hin und her zwischen Deutsch und Paschtu oder Farsi. Farsi (Persisch) ist neben Paschtu (Afghanisch) die Amtssprache in Afghanistan, wo alle Deutschschüler her kommen.

Silke Boysen, die den Unterrichtet leitet, spricht nach Möglichkeit nur Deutsch. Manchmal erklärt sie zusätzlich etwas in Englisch und achtet darauf, dass alle verstanden haben, worum es geht. Zunächst verteilt sie kleine Oktavhefte an und erklärt deren Zweck: Vokabeln sollen hineingeschrieben werden. Das deutsche Wort in die linke Spalte, rechts das arabische Wort.

Deutsch lernen in der Wichernschule

Und schon geht es los. Silke Boysen legt neun Kärtchen auf den Tisch, auf denen Gegenstände abgebildet sind. Wer weiß, was da zu sehen ist, sagt das Wort: Pfanne, Kamm, Fernseher, Lampe, Sessel, Telefon. Samin und seine beiden Tischnachbarn Zabi und Ramadan wissen fast jedes Wort und oft auch die richtigen Artikel dazu. Alle Begriffe werden an die Tafel geschrieben und ins Vokabelheft übertragen. Dann kommt ein Frage-Antwort-Spiel. Silke Boysen fragt ihren Nachbarn zur Rechten: Wo ist der Kamm? Dieser zeigt auf die passende Karte und antwortet: Da ist der Kamm. Anschließend wiederholen alle gemeinsam die Antwort: Da ist der Kamm.

Wo ist Buchstabieren?

Das Spiel geht reihum weiter. Alle sind ernsthaft bei der Sache, aber das heißt nicht, dass kein Spaß erlaubt ist. Wo ist Buchstabieren, fragt Samis Tischnachbar Ramadan lachend, denn es dauert eine Zeitlang, bis klar ist, was er meint: Unter dem Karten-Lernspiel liegt an Silke Boysens Platz ein weiteres Spiel, das heißt „Buchstabieren“.   Ramadan hat gezeigt, dass er schon sehr gut lesen kann, und er meint auch, eine Regel entdeckt zu haben: Wörter, die mit -ung aufhören, sind immer „die“. Zwar gibt es keine Regel, die dies besagt, wie Silke Boysen überprüft hat, doch es stimmt: Viele Wörter mit der Endung -ung sind weiblich.

Neben Petra Glöckner, die sich unter die Schüler gemischt hat, unterstützt heute erstmals Marion Krebs die Gruppe. Ihre Tochter arbeitet als Erzieherin in der Wichernschule, und sie möchte ehrenamtlich tätig werden, um Flüchtlingen Deutsch beizubringen. Um dem unterschiedlichen Niveau gerecht zu werden, teilt sich die Gruppe nach einer Stunde. Silke Boysen geht mit Samin, Zadi und Ramadan in den Nebenraum, um Konversation zu üben, die übrigen bleiben mit Petra Glöckner und Marion Krebs dabei, einzelne Wörter zu üben.

Samin und sein Vokabelheft

Samin zieht ein großes Schreibheft aus seiner Tasche und zeigt auf die vielen Seiten, die schön mit Vokabeln gefüllt sind. Er überträgt alle Wörter, die er kennengelernt hat, in dieses Heft. „Ich kann das alles lesen“, sagt er, und liest in großer Geschwindigkeit eine ganze Spalte Verben vor. Perfekt!

Ehrenamt ist alles

Zusätzlich zu den Übungsstunden montags und freitags in der Wichernschule besucht er dienstags, mittwochs und donnerstags auch einen Deutschkurs im „Hotel“   - so nennen die Bewohner ihre Gemeinschaftsunterkunft, die vormals als Tagungshotel des Deutschen Roten Kreuzes fungierte. Beide Angebote werden ehrenamtlich geleistet von den Lehrkräften der Wichernschule oder von Menschen, die im Asylnetzwerk Mühltal aktiv sind. Syrische Flüchtlinge werden mit behördlich organisierten Sprachkursen bevorzugt, ein Hinweis darauf, dass die Bundesregierung plant, afghanische Flüchtlinge zurückzuschicken. Afgahanistan – ein sicheres Herkunftsland? Das Auswärtige Amt widerspricht und hält die Bedrohungslage für extrem hoch, auch in Landesteilen, die bislang als sicher galten. Die Ausdehnung der Taliban sei inzwischen weitaus höher als zu Beginn des militärischen Eingreifens der NATO im Jahr 2001.

„Zurück? Das ist unmöglich!“, sagt Samin. „Die Taliban würden mich sofort erschießen.“ Samin hat mit seiner ganzen Familie, mit den Eltern und drei Geschwistern, im vergangenen Sommer die Flucht aus Nord-Afghanistan angetreten. „Wir haben uns verloren, die Taliban haben den Bus überfallen, in dem wir saßen.“ Er hat sich alleine durchgeschlagen. Sein Weg ging „zu Fuß, mit allem, was fährt, und mit dem Boot“, über Iran, Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich nach Deutschland. Offenbar hat er großes Glück gehabt, auch bei der Überfahrt in einem kleinen Boot von der Türkei nach Griechenland. „Wir waren ungefähr 35 Menschen und es hat zwei Stunden gedauert. Ich habe nicht geglaubt, das zu überleben“.

Deutsch! Schule! Ausbildung!

Deutschland war nicht von vorneherein sein Ziel: „Es war Gefühl“, erklärt er und zeigt mit beiden Händen in Richtung Herz, „in Ungarn habe ich gespürt: Nein. Als ich in Deutschland war: Ja. Ich bin nicht hier, um Spaß zu haben. Ich bin hier, um am Leben zu sein“, sagt er. Jetzt will er so schnell und so viel wie möglich lernen: „Deutsch, Deutsch, Deutsch. Die Schule weitermachen. Wenn das nicht geht, eine Ausbildung.“ Elf Jahre hat er in Afghanistan die Schule besucht, die letzten Jahre hat er als Fotograf und Grafik-Designer das Geld dafür verdient. Mehrere Schulen in Darmstadt, Ober-Ramstadt und Mühltal hat er aufgesucht und erklärt: Ich will Deutsch lernen. „Bei der Diakonie hatte ich Glück.“

Samin lacht gerne und spielt leidenschaftlich Fußball: „Zweimal in der Woche. Einmal im Stadion, einmal hier in Mühltal.“ Ein paar Stunden Pause für die ständige Sorge um seine Geschwister und seine Eltern. Dort, wo er sie vermutet, gibt es keinen Mobilfunk-Empfang. Ganz sicher werden sie versuchen, einen sicheren Ort mit Empfang zu finden, um an Samins Geburtstag wenigstens seine Stimme zu hören.

Samin

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