Schweigend das Herz des anderen hören

07.12.2015 | Marlene Broeckers

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Marlene Broeckers

Texterin und Pressereferentin der NRD

Schweigend das Herz des anderen hören

„Jetzt sitze ich am Schreibtisch und schreibe euch, (…) indem ich nur den Zeigefinger der rechten Hand benütze, ganz langsam also. Besser bekomme ich das nicht hin, aber das langsame Schreiben hat den Vorteil, dass man gut über das, was man schreibt, nachdenken kann.“ Diese Zeilen hat ein „hoch funktionaler“ Autist geschrieben. Federico De Rosa hat mit 20 Jahren ein Buch veröffentlicht, das „neurotypischen“ Leserinnen und Lesern helfen kann, Menschen mit Autismus besser zu verstehen. Als wichtigsten Faktor für seine Entwicklung bezeichnet der Autor Zuwendung und Liebe.

„Ich kann euch versichern, dass ich praktisch nicht imstande bin zu sprechen: verbal drücke ich mich mit einzelnen Wörtern aus, nur selten bringe ich einen kleinen Satz hervor, schon gar nicht spontan; ich muss ihn vorher möglichst auswendig gelernt haben, damit ich ihn dann gebrauchsfertig zur Verfügung habe“, schreibt De Rosa auf S. 53 im Kapitel „Autismen“.  

Als 14-jähriger kam der Italiener, der mit seiner Familie in Rom lebt, mit einem Notebook in Berührung. Ganz langsam und mit viel Unterstützung durch seine Mutter lernte er zu schreiben und fand so einen Weg hinaus aus seinem „Gefängnis der Einsamkeit“. Er hat Abitur gemacht und im vergangenen Sommer sein Buch „Ich kann nicht reden. Ihr könnt nicht schweigen.“ im Verlag Neue Stadt veröffentlicht.  

Ausgezeichnet

Für seine Leistung ist Federico de Rosa zur „Person des Jahres 2015 der Stadt Rom“ ernannt worden; seine Abiturklasse, die ihn während der Oberstufenzeit unterstützte, hat den „Premio Nazionale della Bontà“ erhalten – eine Auszeichnung für vorbildliches Verhalten.

Wie neurotypische Menschen miteinander reden und interagieren, kann ein Mensch mit Autismus zwar beobachten, es ergibt aber für ihn keinen Sinn, wie De Rosa uns klarmacht. Bis zur Pubertät verfügte er über keine Strategie, in die Aktivitäten der anderen hineinzukommen, und sei es auch nur als „aktiver Zuschauer“. Die Aufgabe seiner Mitmenschen bestand für ihn nur darin, „auf mich in meiner traurigen Isolation aufzupassen“.

Auch die Beklemmung, die er angesichts dieser Isolation empfand,   blieb eingesperrt. Er konnte andere daran nicht teilhaben lassen. Die einzige Form, die er fand, um seiner Familie seinen Zustand mitzuteilen war folgende: Er riss in der Küche die Besteckschublade aus, holte sämtliche Löffel heraus, rannte ins Wohnzimmer und ließ sie dort auf den Marmorfußboden fallen. „Ich hatte einen (…) Lärm gefunden, der meine Beklemmung ausdrückte und durch den ich kommunizieren konnte wie mit einem Wort. (…) Wiederholte ich stundenlang dieses Geräusch, sah ich, wie sich die gleiche Beklemmung auf den Gesichtern meiner Eltern und Geschwister breitmachte.“

Zweifellos war das, was De Rosa praktizierte, ein „herausforderndes Verhalten“ für seine Mitmenschen – und doch war es seine einzige Möglichkeit, um auszudrücken, wie er sich fühlte. Die Lösung bestand im Notebook, das ihm eine andere Methode erschloss, um zu kommunizieren.

De Rosa wird nicht müde, bei jeder Gelegenheit zu versichern, wie dankbar er allen Menschen ist, die ihn bislang unterstützt haben. Allen voran seine Eltern und Geschwister, beide Großmütter und Großväter, Tanten und Onkel, aber auch seine BetreuerInnen und Lehrkräfte in der Schulzeit, seine KlassenkameradInnen – und nicht zuletzt die Jugendlichen aus seiner katholischen Kirchengemeinde in Rom.  

Dramatischer Mangel an Schweigen

Weil ihm aufgefallen war, dass seine Eltern und die beiden Geschwister eine besondere Ausstrahlung hatten, wenn sie sonntags aus dem Gottesdienst zurückkamen, wollte auch Federico zur Erstkommunion und Firmung gehen. Dadurch kam er mit Gleichaltrigen in Kontakt, die sich die größte Mühe gaben, mit ihm zu kommunizieren. In sein Notebook tippend, teilte er bei den Treffen seine Gedanken mit. Beeindruckt war er auch von einem Aufenthalt im Kloster, wo lange Schweigephasen zum Alltag gehören.

De Rosa macht uns darauf aufmerksam, dass es „in der Welt einen dramatischen Mangel an Schweigen gibt. Dabei bräuchte sie es so sehr. (…) Ich kann nicht reden. Aber ihr, seid ihr imstande, die Beziehungen auch dadurch die pflegen, dass ihr mal schweigt?“

Zu seinen schönsten Erinnerungen an Augenblicke des Miteinander-Kommunizierens gehören seine Bootsausflüge mit Onkel Lucio: „Kein Wort. Stille. Lautlos glitt das Boot übers Wasser. Alles war ins warme Sonnenlicht getaucht. Das Schweigen lehrt, das Herz des anderen zu hören.“  

Ausgrenzen ist wie Töten

Worte wie „normal“ und „behindert“ möchte De Rosa streichen. „Normalität“ ist für ihn „die absurdeste Kategorie der neurotypischen Kultur: Wer hat euch eigentlich gesagt, dass ihr normal seid und wir nicht? (…) Menschen auszugrenzen und zu ghettoisieren, das ist wie Töten, es ist eine existentielle Vernichtung…“

Im Anhang veröffentlicht de Rosa im Kapitel „Woran ich glaube“ seine Notizen und Reflexionen über Gott, Religion und Glauben. Auch diese 30 Seiten sind interessant und bewegend. So zum Beispiel die Notiz über „Mein Schweigen“ von 2013: „Ich will im Schweigen leben wie Gott. Mein Autismus soll zu einer Leere werden, die danach verlangt, von der Gegenwart Gottes erfüllt zu werden. (…) Gott soll kommen und meine Einsamkeit erfüllen.“  

Federico De Rosa , Ich kann nicht reden. Ihr könnt nicht schweigen. Ich, mein Autismus und woran ich glaube. Verlag Neue Stadt, 2015, 142 Seiten, 14,99 €

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