Hausgemeinschaft Wichernstraße: Darf ich sein, wie ich bin?

27.03.2017 | Marlene Broeckers

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Marlene Broeckers

Texterin und Pressereferentin der NRD

Hausgemeinschaft Wichernstraße: Darf ich sein, wie ich bin?

Wollen Sie im Lauf von 20 Jahren mit hundert oder mehr Menschen zu tun haben, die Ihnen sagen, was Sie dürfen und was nicht? Wollen Sie als erwachsener Mensch Vorschriften darüber gemacht bekommen, wie ordentlich Ihr Schlafzimmer aussehen soll, wann und wieviel Sie essen dürfen? Wollen Sie im Alter von über 30 Jahren lernen, dass Sie beim Duschen drei verschiedene Waschlappen benutzen müssen, um Ihren Körper „richtig“ zu reinigen? Wenn Sie in einem Heim lebten, wäre all das normal.

„Ich kann mich nur darüber wundern, dass Menschen mit (Lern-)Behinderung so viel mehr Gehorsam und Anpassungsfähigkeit abverlangt wird als jedem anderen“, sagt Axel Seib-Mertinat. Der Heilerziehungspfleger, 49, ist seit 1989 in der NRD. Im damaligen „Haus Abendfrieden“ hat er seine Ausbildung gemacht, danach begleitete er eine der ersten Wohngruppen in der Wohnanlage „Pulvermühle“ jenseits des Anstaltsgeländes und wechselte dann zum „Sonnenhof“, bevor er vor sechs Jahren die Teamleitung im Haus Wichernstraße 3 übernahm.

Seit der Eröffnung des Kreisels an der Bergstraße stellt das Haus quasi das Entree zum Kerngelände in Nieder-Ramstadt dar. Jeder, der hineinfährt, kommt daran vorbei und sieht – vor allem in der wärmeren Jahreszeit – den einen oder die andere HausbewohnerIn vor der Tür sitzen oder stehen. Es ist ein guter Platz, hier sieht man viel und wird gesehen.

Nicht selten müssen Axel Seib und seine MitarbeiterInnen sich Kritik anhören: „Der guckt aber finster, und sieht auch nicht besonders gepflegt aus.“ „Die zwei sind ja viel zu dick, da müsst ihr euch mal drum kümmern!“

Die Haltung ist ausschlaggebend

Die langen, zu einem Pferdeschwanz gebundenen Haare könnten ihm zu Berge stehen vor Wut, wenn er das hört, meint Axel Seib. „Das macht mir nur noch deutlicher, worin unsere Aufgabe besteht“, sagt er. „Wir müssen die Leute geradezu beschützen vor einem System, das ständig an ihnen herumpädagogisiert, sie mit Psychopharmaka überhäuft und mit Therapien überzieht. Das begreift man nur, wenn man eine Haltung einnimmt, die auf Augenhöhe ist, die die Menschen ernst und wichtig nimmt und auf die Frage hört, die sie mit ihrem „schrägen“ Verhalten ans Leben stellen.“ Darf ich so sein, wie ich bin? Das ist tatsächlich die Frage überhaupt, es ist unser aller Frage auf Leben und Tod.

„Haltung“ ist aus der Sicht von Axel Seib die alles entscheidende Größe, auf die es im Umgang mit behinderten Menschen ankommt. „Alle anderen Aspekte sind demgegenüber nahezu uninteressant. Wer hier arbeiten will, muss Interesse haben an den Menschen, die hier wohnen, muss sie kennenlernen wollen, sie mögen und Lust darauf haben, mit ihnen zu arbeiten. Sonst geht es nicht.“

Es  sind klare Worte, mit denen dieser Kollege sich an die Seite der 16 Menschen stellt, die im Haus Wichernstraße 3 leben. Die Jüngste ist 23 Jahre alt und im November 2016 eingezogen, nachdem sie bundesweit nirgends Aufnahme fand. Der Älteste ist 87 und lebt seit den 1960er Jahren in der NRD. Ihnen und allen anderen dazwischen ist gemeinsam, dass man sie bestenfalls skurril findet, eher aber schwierig und unangepasst. Liebevoll verstanden, ist das Haus Wichernstraße 3 ein „Käfig voller Narren“. Lauter Individualisten, die geistig ziemlich fit sind, die aber aufgrund von Traumata – bedingt durch Vernachlässigung, Misshandlung oder Missbrauch - Verhaltensweisen ausgebildet haben, die nicht unbedingt sozialkonform sind.

Axel Seib und sein Team arbeiten seit sechs Jahren nach einem selbst entwickelten Konzept, das einfach klingt und „zum Zerplatzen anstrengend“ ist, wie er sagt: „Wir versuchen zu hören, welche Frage hinter dem jeweiligen Verhalten steckt. Und wir legen es darauf an, dass die Einzelnen ihre Antworten selbst finden. Sie dabei zu unterstützen, ist unsere Aufgabe. Die meisten haben vorher noch nie die Erfahrung gemacht, dass sie etwas dürfen. Hier dürfen sie. Sie dürfen dann auch erleben, was dabei herauskommt. Und wir sind da, um zu helfen, wenn sie mit dem Ergebnis nicht umgehen können.“

Erfahrung zulassen - Nicht vorschnell helfen

Mit dieser Haltung hat das Team gute Erfahrungen gemacht. Das dreigeschossige Haus, in dem sich alle Mitarbeitenden und BewohnerInnen duzen, ist jetzt in fünf Wohnungen und ein Apartment unterteilt. Während früher nur die Küche im Erdgeschoss genutzt wurde, sind nun alle fünf Küchen im Haus in Betrieb und werden von den jeweiligen Wohngemeinschaften alleine genutzt. Im 2. Obergeschoss wohnt ein Paar in einer Drei-Zimmer-Wohnung. „Hier haben alle zwölf MitarbeiterInnen einschließlich meiner selbst drauf gewettet, dass das nicht funktionieren wird“, berichtet Seib, „und die beiden haben gewonnen“. Lisa und Michael wollten nicht nur zusammen wohnen, sondern sie verbaten sich auch jede Form von hauswirtschaftlicher Unterstützung. „Das haben wir ihnen nicht zugetraut“, erzählt der Teamleiter, „und sie konnten es auch nicht. Es dauerte aber neun Monate, bis sie das selbst erkannt und um Hilfe gebeten haben. Solange haben wir es ausgehalten, dort oben keine Hand anzulegen.“

Jetzt sieht die Wohnung von Lisa und Michael tipp-topp aus. Der Reinigungsdienst kümmert sich um Küche, Bad und Flur, den Rest machen die beiden selbst.

In der Nachbarwohnung wohnt Jasmin zusammen mit einem Mann und einer Frau. Ihr großes Zimmer ist vollgestellt mit Dingen. Auf schmalem Pfad muss Jasmin sich hin und her bewegen zwischen all den Sachen, die auf dem Boden stehen. Es riecht frisch und sauber und alles macht einen System aufgeräumten Eindruck. Jasmin streckt die Hand aus: „Hier kein Foto machen!“

Sie nickt heftig auf Axel Seibs Frage: „Darf ich’s erklären?“ Und sie bestätigt durch weiteres Kopfnicken, was er berichtet: „Jasmin ist früh in ein Kinderheim gekommen und dann immer weitergereicht worden. Sie durfte fast nie persönliche Sachen für sich behalten, deshalb legt sie großen Wert auf Dinge, die ihr gehören. Sie will sie um sich haben.“ Zum Beispiel drei Kaffeemaschinen auf dem Zimmer. „Aber es wird weniger“, weiß Axel Seib, „sie darf machen, was sie will. Es ist ihr Zimmer.“

Die Wohnung von Jasmin und ihren Mitbewohnerinnen muss niemand aus Gründen hauswirtschaftlicher Hilfestellung betreten. Die drei Frauen putzen, kochen, kaufen ein und kümmern sich selbst um ihre Wäsche. Eine Stunde nach unserem kurzen Gespräch in ihrem Zimmer ruft Jasmin mich noch einmal nach oben: „Ich habe ja meinen Schrank noch gar nicht gezeigt“, erklärt sie, „hier guck mal rein“. Die Bettwäsche liegt dort ordentlich gefaltet. Viel korrekter als bei mir zu Hause. Ich bedanke mich für die Besichtigung, eigentlich aber für das Zutrauen.

Kerstin, die in der Wohnung darunter mit Heike wohnt, sagt mir, dass sie nicht mit mir sprechen möchte. Sie bleibt aber am Wohnzimmertisch sitzen, wo sie mit Heike ein paar Kekse genießt und sie hört aufmerksam zu, was Axel Seib erzählt: „Wenn die Hauswirtschaftskraft Urlaub hat, brauche ich keinen Ersatz. Kerstin kümmert sich um die Wäsche für alle im Haus, die das nicht selbst tun.“

Anders als in den neuen regionalen Wohnhäusern steht die Waschmaschine für das ganze Haus in der Wichernstraße 3 im Keller. Dort kann die Wäsche auch zum Trocknen aufgehängt werden. Kein Problem für die Leute im 1. und 2. Obergeschoss, ein paar Mal in der Woche hoch und hinunter zu laufen und sich um ihre Wäsche zu kümmern. Dass das Haus nicht barrierefrei ist, stellt zurzeit  keinen Grund dar, es im Zuge der Regionalisierung zügig zu schließen, auch wenn die Bausubstanz dies sicher irgendwann erfordern wird. Gerne sind Kollegen aus der Einrichtung gesehen, die hospitieren möchten, denn nur durch ein „kennenlernen“ können Vorurteile abgebaut werden.

Viel weniger Tabletten

Nur noch vier von ehemals allen 16 Bewohnern des Hauses brauchen heute noch Psychopharmaka. Alle, die wir beim Rundgang durch das Haus antreffen, wirken selbstsicher und fröhlich. Sie machen sehr deutlich: „Das ist meine Wohnung!“, und nutzen die Begegnung mit Axel Seib, um ihn ein bisschen zu ärgern, ihn zu necken und zu umarmen – genau so, wie Axel es auch mit ihnen tut.

„Die Frage, die sie alle stellen, genauso wie wir, ist natürlich: Darf ich so sein, wie ich bin?“, sagt Seib, „aber jede und jeder stellt sie auf unterschiedliche Weise und sucht eigene Antworten darauf. Suchen zu dürfen und finden zu können, das macht glücklich. Die Voraussetzung dafür ist: Da sein zu können, wie man gerade ist.“

Foto: Michael Glindemann und Axel Seib; Titelfoto: Axel Seib und Claudia Böckel
Foto: Michael Glindemann und Axel Seib; Titelfoto: Axel Seib und Claudia Böckel

2  Kommentare

  • Tobias Koch
    27.03.2017 19:05 Uhr

    Schöner Artikel, von Axel Seib und sein Team können sichn einige eine dicke Scheibe abscheiden.

    Macht weiter so ^____^

  • Katrin Flür
    19.11.2018 09:29 Uhr

    Hallo :) Ich bin über Facebook/Risikoplan auf die Einrichtung bzw. Axel Seib gestoßen. Mir ging beim Lesen direkt das Herz auf, da ich diese Haltung großartig finde. Zurzeit findet auch im System, in dem ich arbeite Veränderung statt und ich setzte mich mit der Frage auseinander, was braucht der Betreuer, um "loszulassen", um Raum zugeben, eben solche (Lebens)-Erfahrungen in der Betreuung bei Menschen mit Handycap und für Menschen mit Handycap geschehen zu lassen. Ein Schritt dazu könnte der Risikoplan sein, ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mir ein Muster zur Verfügung stellen können.
    Liebe Grüße
    Katrin Flür

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