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Studienfahrt zur Gedenkstätte Hadamar

13.10.2021 | Joachim Albus

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Joachim Albus

Joachim Albus arbeitet als Pressereferent und Texter für die NRD.

Studienfahrt zur Gedenkstätte Hadamar

Das Wetter an diesem Freitag, den 8. Oktober 2021, passte so gar nicht zum Programm der neun NRD’ler, die sich morgens um 8.30 Uhr aufmachten nach Hadamar. Die Sonne strahlte vom blauen Himmel, die Temperaturen kletterten Richtung 20 Grad, als die kleine Gruppe die Gedenkstätte in Hadamar erreichte.

Die Gedenkstätte im mittelhessischen Städtchen Hadamar erinnert an die Opfer der nationalsozialistischen Euthanasie-Verbrechen. Hadamar steht für die schrecklichste Zeit in der Geschichte Deutschlands. In der dortigen Tötungsanstalt wurden zwischen 1941 und 1945 rund 14.500 Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen getötet. Bis heute erinnern noch erhaltene authentische Kellerräume mit der ehemaligen Gaskammer und einem freigelegten Krematoriumsofen und eine mit sehr viel Gefühl inszenierte Ausstellung an diese Gräueltaten. Ebenfalls erhalten ist die Garage, in der die Busse einfuhren, um die Deportierten, geschützt vor ungewollten Beobachtern, aussteigen zu lassen. Die Leichen der ermordeten Menschen wurden ab 1942 auf einem neu angelegten Anstaltsfriedhof in Massengräbern verscharrt. Dieser Friedhof wurde 1962 in eine Gedenklandschaft umgestaltet.

Diese Treppe mussten alle Deportierten gehen. Sie führt in den Keller, in dem auch die Gaskammer war.
Diese Treppe mussten alle Deportierten gehen. Sie führt in den Keller, in dem auch die Gaskammer war.

Hadamar war die sechste Gasmordanstalt in Deutschland

Das Gebäude, in dem sich das Unvorstellbare abspielte, wurde 1883 fertig gestellt. Die ehemalige „Korrigendenanstalt“ ( diente zur Inhaftierung von Menschen, die als „arbeitsscheu“ galten und die dort „korrigiert“, also gebessert werden sollten, daher die Bezeichnungen Korrigenden) wurde Anfang des 20. Jahrhunderts zur Landesheilanstalt, bis sie Ende 1940 in eine Tötungsanstalt umgebaut wurde. Damit war Hadamar die insgesamt sechste und letzte „T4“-Gasmordanstalt in Deutschland. T4 steht dabei für die Berliner Tiergartenstraße Nummer 4, wo Hitlers Verwaltungszentrale war, die die als „Euthanasie“ bezeichneten Morde an Menschen mit Behinderungen und psychisch Erkrankten organisierte.

Von Januar bis August 1941 wurden im Keller der Anstalt in einer als Duschraum getarnten Gaskammer über 10.000 Kinder, Frauen und Männer mit Kohlenmonoxyd-Gas ermordet. Ihre Leichen wurden anschließend in zwei eigens eingebauten Krematoriumsöfen eingeäschert. Aus der NRD wurden nachweislich 450 Menschen mit Behinderungen von den Nazis getötet. Der Abbruch der Gasmorde im August 1941 bedeutete aber nicht das Ende der NS-Euthanasie-Verbrechen. In Hadamar wurde das Morden ab August 1942 fortgesetzt – diesmal starben die Menschen an überdosierten Medikamenten und an Hunger. Bis zum Kriegsende im März 1945 verloren so noch einmal rund 4.500 Menschen ihr Leben.

Die Gaskammer. Auf 12 Quadratmetern kämpften bis zu 40 Menschen rund zehn Minuten lang um ihr Leben.
Die Gaskammer. Auf 12 Quadratmetern kämpften bis zu 40 Menschen rund zehn Minuten lang um ihr Leben.

„Kein Name ist vergessen oder ausgelöscht“

Beate Braner-Möhl von der NRD-Stabsstelle Diakonie organisiert und begleitet die Studienfahrten nach Hadamar seit 2017. Als Abschluss der denkwürdigen Fahrt versammelte sie alle Teilnehmer*innen am Mahnmal auf dem Kerngelände in Mühltal. „Das umgestürzte Buch steht für die Menschen, die ermordet wurden. Kein Name ist vergessen oder ausgelöscht. In der Liste in der Lazaruskirche sind alle aufgeschrieben, die aus der NRD in Zwischenlager und nach Hadamar gebracht und umgebracht wurden. Wir kennen sie alle beim Namen. Wir sind heute, jede und jeder, aufgerufen, anwaltlich für Menschen einzutreten, wenn es um Aussagen geht, die Menschen abwerten oder als unwert bezeichnen“, sagte sie.

Die Teilnehmer*innen der NRD vor dem Platz, an dem - noch gut sichtbar - einer der beiden Verbrennungsöfen stand.
Die Teilnehmer*innen der NRD vor dem Platz, an dem - noch gut sichtbar - einer der beiden Verbrennungsöfen stand.

Persönliche Gedanken

Beate Braner-Möhl stellte die Studienfahrt unter das Motto „Die letzte Fahrt“. Wir, die Studienfahrt-Teilnehmenden, fuhren also nun mit dem Bus gen Hadamar. Rund 80 Jahre später nahmen wir dieselbe Strecke wie die ehemaligen NRD-Bewohner*innen, die aufgrund ihrer Beeinträchtigungen in Hadamar ermordet wurden. Nicht, dass man an dieser Stelle Vergleiche anstellen sollte. Schließlich stiegen WIR freiwillig in den Bus, hatten Essen und Trinken dabei, einen bequemen Sitzplatz, konnten aus dem Fenster schauen – und WIR wussten, was uns erwartete – in etwa zumindest. All das darf man von den getöteten NRD-Bewohner*innen nicht im Ansatz behaupten. Insofern hinkt jeder Vergleich. Und trotzdem: Ich ganz persönlich fühlte mich jenen Menschen zu diesem Zeitpunkt sonderbar nah. Es machte mich unendlich traurig.

Die Gedenkstätte ist toll gemacht. Meiner Meinung nach sollte jeder hier einmal gewesen sein, sollte miterleben, wie in einer Führung die letzte Reise eines Menschen deutlich nachgezeichnet wird. Wie einem erklärt wird, wie sie in den grauen Bussen hergebracht wurden, wie sie erst in das eine, dann in das andere Zimmer geführt wurden, immer unter der Vortäuschung, dass sie bald ihren Schlafplatz gezeigt bekommen würden. „Und bevor sie in Ihr Zimmer können, nehmen Sie bitte noch eine Dusche…“

Ich war an diesem Tag mehr als einmal den Tränen nahe. Ich hörte von unnützem Leben, von Menschen, die schlimmer als Vieh behandelt wurden. Von den anderen „Menschen“, die den Deportierten bei der ärztlichen Untersuchung erst in die Augen schauten, um sie wenige Augenblicke später eigenhändig umzubringen. Am schlimmsten aber war für mich die "Schleifspur". Auf dem unterirdischen Weg von der Gaskammer hin zu den Verbrennungsöfen glänzte der Boden sonderbar. Als sei er nass. Wie uns erklärt wurde, wurde hier eine bestimmte Art von Estrich verwendet, eine Art, die besonders rutschig ist, erst recht, wenn man den Boden nass macht. Warum? Damit man die Leichen einfacher, leichter und schneller zu den Öfen bekam. Ist das nicht abscheulich?

Es war ein Tag, der noch lange nachwirken wird. Der mich den abscheulichen Taten von damals näher brachte, als ich es mir je denken konnte. Ich finde, jeder sollte sich einmal die Gedenkstätte in Hadamar anschauen. Um nicht zu vergessen .

Die Busgarage. Von dort führte ein Gang ins Haupthaus (im Hintergrund), in dem die deportierten Menschen "untersucht" wurden. In diesen Räumen befindet sich heute die Dauerausstellung.
Die Busgarage. Von dort führte ein Gang ins Haupthaus (im Hintergrund), in dem die deportierten Menschen "untersucht" wurden. In diesen Räumen befindet sich heute die Dauerausstellung.

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