Teilhabe geht nur gemeinsam

18.01.2016 | Dirk Tritzschak

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Dirk Tritzschak

Dirk Tritzschak ist Inhaber der Stabsstelle "Strategische Entwicklung Eingliederungshilfe" und Leiter des Regionalverbunds Kinder und Jugendliche.

Teilhabe geht nur gemeinsam

„Teilhabe“ war das Thema einer Klausur von MitarbeiterInnen des Regionalverbundes Odenwald-Bergstraße. 45 WohnverbundsleiterInnen, FachberaterInnen und TeamleiterInnen aus der ganzen Region, die in dieser Zusammensetzung schon lange nicht mehr zusammen waren, trafen sich am heißen 1. Juli des letzten Jahres in der Lazaruskirche in Mühltal. Ein wichtiges Treffen denn es ging um nichts Geringeres als um den Auftrag der Eingliederungshilfe.

Unser Auftrag lautet, Menschen mit Behinderung die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft zu ermöglichen. Was verstehen die Einzelnen unter Teilhabe? Was gelingt uns, was noch nicht?   Jeder und jede nahm am Ende ein individuelles „Motto“ mit, das bei allen formalen und rechtlichen Fragen die die Arbeit in den Gremien prägen, an die Inhalte der Arbeit erinnert. Die unterschiedlichen Sichtweisen, die im Laufe der Klausur zusammengetragen wurden, sind im folgenden fiktiven Gespräch zwischen „Kollegin A“ und „Kollege B“ widergespiegelt.  

Kollegin A: Hallo, lange nicht gesehen. Wie geht es Dir so an Deinem neuen Arbeitsplatz?

Kollege B: Du, eigentlich ganz gut. Wir haben kurze Wege in die Stadt und können echt mehr machen, als früher im Boh-Haus. Der Bäcker ist ja gerade um die Ecke, da können wir schnell zusammen einkaufen.

Kollegin A: Das dachte ich bei unserm Standort auch erst. Aber die Geschäfte haben alle Treppen und da können wir mit einem Rollstuhl nicht rein. Außerdem sind wir einfach zu wenig Mitarbeiter.

Kollege B: Ja, Krankheit haben wir auch oft. Und tatsächlich fällt der eine oder andere Programmpunkt auch mal aus. Aber es im Haus einfach ruhiger und die BewohnerInnen fühlen sich wohler. Da ist auch viel direkt im Haus und um das Haus möglich. Letzte Woche haben wir mit den Nachbarn gegrillt. Im Boh-Haus waren wir immer unter uns, da gab es keine Nachbarn.

Kollegin A: Bei uns flogen letzte Woche zum dritten Mal Eier ans Haus. Da ist noch viel zu tun. Ich weiß nicht, ob wir so gerne im Ort gesehen werden. Es gibt doch noch viele Vorurteile.

Kollege B: Krass, echt. Das haben wir nicht erlebt. Aber es ist schon richtig, auf uns Mitarbeiter sind viele neue Herausforderungen eingestürzt. Auf vieles waren wir nicht vorbereitet. In Mühltal hatten wir mit der „Außenwelt“ kaum etwas zu tun.   Jetzt sind wir in der Öffentlichkeit.

Kollegin A: Genau. Das bringt mich ganzschön an meine Grenzen. Ich fühle mich immer beobachtet. Außerdem haben wir jetzt drei Schichten, die Dokumentation nimmer immer weiter zu und wir sollen auch noch kochen und waschen.

Kollege B: Stimmt, viele meiner KollegInnen mussten das Kochen und Waschen erst lernen. Was machen die eigentlich bei sich zuhause? Aber mal ganz ehrlich, es ist eine schönes Gefühl, die Hauswirtschaft gemeinsam mit den BewohnerInnen erledigen zu können. Irgendwie normal. Ich weiß zwar abends, was ich gemacht habe, aber das war im Boh-Haus nicht möglich. Da habe ich das ganz alleine gemacht und in der Zwischenzeit kamen die Leute auf dumme Ideen.

Kollegin A: Normal, was ist daran normal, wenn man für 16 BewohnerInnen einkaufen geht. Bei mir kann kaum jemand bei der Hauswirtschaft mitmachen, ich muss es auch alles alleine machen. Gerade im Frühdienst, den schaffe ich nur, wenn ich vorher alles vorbereitet habe.  

Kollege B: Bei uns gibt es auch vieles, was nicht so läuft, wie ich es mir vorstelle. Die Menschen sind ja gar nicht gewöhnt, an allem teilzuhaben. „Versorgung“ ist eine lange antrainierte Gewohnheit. Unser Teamleiter sagt gern: „Besenstrich um Besenstrich geht es voran“. Das finde ich gut. Ich schaue lieber auf das, was wir schon geschafft haben. Es hilft mir.

Kollegin A: Ok, ich glaube ich muss euch mal besuchen. Vielleicht denke ich zu schlecht von uns. Aber Du musst zugeben, es ist nicht alles Gold, was glänzt.

Wer hat Recht? Das kann man nicht entscheiden, denn Kollegin A und Kollege B repräsentieren zwei Seiten derselben Medaille. Es bleibt am Ende wohl jedem selbst überlassen, wie er die Sache sieht. Die Flügel „Es ist ja nicht alles schlecht“ und „Wir haben doch schon einiges erreicht“ kamen am Klausurtag beide zur Geltung. Und es hat sich gezeigt, dass es Spaß machen kann, an dem Ziel „Mehr Teilhabe zu arbeiten. Das Motto am Ende war: „Mehr Teilhabe an der Arbeit der anderen!“ Somit steht das Thema der nächsten Klausur auch schon fest: Vernetzung.

Drei Orientierungssätze wurden auf der Teilhabe-Klausur hervorgehoben:

  • Wir kennen unsere Grenzen!
  • Wir sehen, was wir schon erreicht haben!
  • Wir haben den Mut, trotz begrenzter Ressourcen vorwärts zu gehen, „Besenstrich um Besenstrich.“
Ernsthafte Themen schließen nicht aus, dass eine Klausur auch Spaß machen kann.
Ernsthafte Themen schließen nicht aus, dass eine Klausur auch Spaß machen kann.

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