Unser Haus für Pia

05.11.2018 | Marlene Broeckers

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Marlene Broeckers

Texterin und Pressereferentin der NRD

Unser Haus für Pia

Wie geht es weiter, wenn wir nicht mehr können? Diese Frage beschäftigt viele Eltern, die ein Kind mit Behinderung haben, insbesondere dann, wenn das Kind auch im Erwachsenenalter noch im Elternhaus lebt. Brigitte und Herbert Gilbert, beide Anfang 60, haben für ihre Tochter Pia, 31, eine Lösung gefunden, die heute noch sehr ungewöhnlich ist: Die Eltern werden aus ihrem Haus in Nauheim ausziehen, vier Menschen mit Behinderung werden einziehen und mit Pia eine Hausgemeinschaft bilden. Die Unterstützung der 5er-WG übernimmt die NRD.

Wir sitzen am Esstisch zwischen der offenen Küche und dem großen Wohnzimmer im Haus der Familie Gilbert und reden über das neue Projekt. Das Haus ist ideal geeignet für Bewohner*innen, die einen Rollstuhl nutzen. Denn es gibt einen Aufzug zwischen Keller und dem 1. Stock. „Wir haben dieses Haus Ende der 1990er Jahre gebaut und es so geplant, dass Pia hier gut leben kann“, erzählt Brigitte Gilbert. „Und der Aufzug wäre ja auch für uns selbst nützlich, wenn wir alt sind. So dachten wir damals“, fährt Herbert Gilbert fort. Im 2. Obergeschoss, das man nur über die Treppe erreicht, planten die Gilberts eine Drei-Zimmer-Wohnung mit Bad. Dort könnte später vielleicht Pflegepersonal wohnen, das sich um Pia und gegebenenfalls auch um ihre Eltern kümmert. 

„Schnapsidee“ wird Pionier-Projekt 

Doch nun kommt alles ganz anders. „Wir ziehen aus und das Haus wird eine WG für Menschen mit Behinderung!“ Es war Brigitte Gilbert, die 2015 diese Idee hatte. „Totale Schnapsidee, das kann niemals funktionieren!“ Das war die erste Reaktion ihres Mannes. Dann begannen die Gilberts den Gedanken zu  verfolgen. Drei Jahre hat es gedauert, bis alles bedacht und eingefädelt war. Viele Gespräche führten sie mit den Kostenträgern – dem Kreis Groß-Gerau und dem hessischen Landeswohlfahrtsverband (LWV). „Wir waren sehr erstaunt, wie positiv und offen man auf unser kühnes Vorhaben reagierte“, so Herbert Gilbert.

Inzwischen nimmt auch Pia an unserer Gesprächsrunde teil. Auf dem glatten Wohnzimmerboden rutschend, hat sie sich von ihrem Spielzimmer zum Esstisch bewegt, ihr Vater hat sie aufgerichtet und sie in ihren geliebten Schaukelstuhl gesetzt. Da sitzt die junge Frau nun ganz zufrieden, schaukelt vor und zurück.

Pia soll in ihrem Zuhause wohnen bleiben.
Pia soll in ihrem Zuhause wohnen bleiben.

Ob sie versteht, um was es geht? Das weiß man nicht. Pia spricht nicht. Doch an ihrem Verhalten ist deutlich zu erkennen, wie sie sich fühlt. Ihr geht es sichtlich gut, sie ist ganz entspannt, schaukelt langsam und mit Ausdauer. Mutter Brigitte kommt mit einem Glas Apfelsaft und reicht es Pia zum Trinken. Pia ignoriert das Glas. Die Mutter holt eine Spritze aus Kunststoff, zieht Apfelsaft auf und spritzt ihrer Tochter das Getränk langsam in den Mund. Das duldet Pia ohne weiteres. „Sie hat heute noch nicht genug getrunken“, erklärt die Mutter. Wenn sie Durst hat, hält Pia ihr Glas selbst. Auch zerkleinertes Essen kann sie mit dem Löffel selbst zu sich nehmen. 

„Wir wollten uns selbst kümmern“ 

Die Eltern erzählen von ihrem Leben mit Pia. Die Geburt ihrer schwer behinderten Tochter hat das Leben von Brigitte und Herbert Gilbert völlig umgekrempelt. Die ursprüngliche Zukunftsplanung war dahin angesichts der Erkenntnis, dass Pia ein Leben lang auf umfassende Unterstützung angewiesen sein würde. Für die Eltern war klar: „Wir werden uns selbst darum kümmern, dass es unserem Kind gutgeht“. Brigitte Gilbert, Beamtin beim Fernmeldeamt, hängte ihren Job an den Nagel. Die Gilberts bauten schräg gegenüber dem Neubau, den sie vor Pias Geburt bezogen hatten, ein neues Haus – mit Aufzug, zwei Geschosse barrierefrei, mit Keller für die vielen Hilfsmittel, die in Zukunft nötig sein würden. Pia wuchs heran, besuchte zwölf Jahre lang eine Förderschule und verbringt seitdem die Werktage in der Tagesförderstätte der WfB Rhein-Main in Königstädten.

Zwanzig Jahre lang war in der Hauptsache Brigitte Gilbert für Pias Betreuung zuständig. Herbert Gilbert, studierter Wirtschaftsinformatiker, verdiente lange Jahre sein Geld bei der Darmstädter Software AG, später bei einer französischen Firma in Pforzheim, für die er oft im Ausland tätig war – bis er 2007 eine Vollbremsung machte. „Meine Frau stellte fest, dass sie der körperlichen Belastung, die die Pflege mit sich bringt, nicht mehr gewachsen war. Also kündigte ich meinen Job und wurde Vollzeitbetreuer“, berichtet Herbert Gilbert. Inzwischen kümmern sich beide gemeinsam um Pia, unterstützt von drei 450-Euro-Kräften.

Drei von fünf sind schon da 

Am 1. September 2018 aber hat eine neue Zeit begonnen. Zwei junge Frauen, 23 und 21 Jahre alt, zogen ins Haus ein und wohnen nun im 2. Stock. Zum 1. Januar 2019 wird ein junger Mann einziehen, den Pia Gilbert aus der Tagesförderstätte kennt. Komplett wird die WG durch eine weitere junge Frau, die zurzeit in einem Haus der NRD in Ober-Ramstadt wohnt. „Es hat eine Zeit gedauert, die Gruppe zusammenzustellen“, so Herbert Gilbert, „die Anzahl der Rollstuhlnutzer – maximal zwei  – der Hilfebedarf, die Verhaltensweisen, all das sollte möglichst gut zusammenpassen.“ Hilfe bei der Suche leisteten der Kreis Groß-Gerau, der LWV und die WfB Rhein-Main. Den Mietpreis stimmten die Gilberts mit dem Kreis Groß-Gerau ab, der als Kostenträger für die Grundsicherung zuständig ist.

„Betreutes Wohnen plus“ 

Auch bei der Suche nach einem geeigneten Träger für die Betreuung von Pia und ihren künftigen Hausgenossen war der LWV hilfreich – und schlug die NRD vor als einen Leistungsträger, der offen ist für neue Wege. Diese Empfehlung bestätigte sich für die Gilberts: „Nach dem ersten Gespräch mit Dirk Tritzschak hatten wir ein gutes Gefühl, dass es klappen könnte“. Tatsächlich betreten alle Beteiligten Neuland mit dieser Wohnform, die der LWV „Betreutes Wohnen plus“ nennt und die es in Südhessen so bislang noch nicht gibt. „Es ist eine spannende  Herausforderung für die NRD, diesen Weg mitzugehen und dabei auch neue Erfahrung zu sammeln“, sagt Dirk Tritzschak, der die Stabsstelle für Angebotsentwicklung in der NRD leitet. „Neu ist, dass wir hier erstmals eine umfassende Betreuungsleistung in einem privaten Haus erbringen. Die NRD ist hier nicht Hausherr, sondern Gast.“

Die größte Herausforderung für die NRD ist es, ausreichend Personal für die Arbeit in Nauheim zu rekrutieren. Mehr als sechs Vollzeitstellen sind notwendig, denn es muss auch eine Nachtbereitschaft geben. Rund ein Dutzend Arbeitskräfte mit Stellenanteilen zwischen 20 und 100 Prozent werden gebraucht  – angesichts des großen Mangels an Fachkräften im sozialen Bereich keine Kleinigkeit. Immerhin, eine Teamleitung ist bereits gefunden und hat am 1.Oktober die Arbeit aufgenommen. Weitere Mitarbeiter*innen kommen so bald wie möglich hinzu -und im entsprechenden Umfang können sich die Gilberts aus der Betreuung zurückziehen.

Nur 1,2 Kilometer entfernt von Pias Haus haben die Eltern ein neues Domizil gefunden. Abstand zu finden von der Aufgabe, die sie über 30 Jahre lang für ihr Kind übernommen haben; der neu entstehenden Hausgemeinschaft und dem Betreuungsteam die Freiheit zu einer eigenständigen Entwicklung zu geben – dies dürfte für die Eltern ebenfalls eine Herausforderung bedeuten. Als ausgewiesene Experten räumlich nah dran zu sein und sich trotzdem rauszuhalten ist keine leichte Aufgabe. Natürlich haben sich Brigitte und Herbert Gilbert auch darüber Gedanken gemacht: „Wir werden nach unserem Auszug, und insbesondere während der Startphase der Vollbelegung, der NRD gerne bei Fragestellungen rund um unsere Tochter Pia zur Verfügung stehen. Gleichzeitig freuen wir uns aber auch sehr über die gewonnene Zeit und die neuen Freiheiten für uns und die damit verbundene Steigerung unserer Lebensqualität. Durch die lange Vorbereitung des Projektes hatten wir ausreichend Zeit, uns mit dem Loslassen zu beschäftigen und sind sicher, dass uns das auch weitgehend gelingt“. 

 „Wir wollen Mut machen“ 

Die Gilberts sind mutige Menschen, bereit, ihre Entscheidung auch öffentlich zu machen: „Wir wollen Eltern mit einer eigenen Immobilie Mut machen und beispielgebend sein, über diese Art der Zukunftsplanung für ihre behinderten Kinder nachzudenken. Je mehr solcher Projekte zukünftig umgesetzt werden, desto leichter und schneller wird die Realisierung möglich sein. Dass Eltern der nächsten Generation bereits zu Lebzeiten ihr Haus überlassen, ist heutzutage ja nichts Besonderes und in unserem Wohnumfeld häufiger der Fall. Dies auch mit einem behinderten Kind umzusetzen ist sicher noch außergewöhnlich. So muss es nicht bleiben.“ 

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  • Inklusion...

    ... heißt für mich, dass alle teilhaben. Es muss nicht immer alles perfekt sein, damit behinderte Menschen teilhaben können. Statt einer Super-Rampe tut es auch ein Stück Sperrholz. Und wenn das auch fehlt, kann man mich auch gerne mal über die Schulter werfen und irgendwo hinein tragen.

    Inklusion...
    Tobias Koch
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