Urlaub 2015 – Ein Projekt im Wohnverbund Darmstadt

30.12.2015 | Benjamin Hartmann

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Benjamin Hartmann

Benjamin Hartmann ist Teamleiter im Wohnvebund Darmstadt

Urlaub 2015 – Ein Projekt im Wohnverbund Darmstadt

Wenn ein Jahr zu Ende geht, stehen Planungen für das kommende an. Dazu gehören auch die „Freizeiten“ für BewohnerInnen in der NRD. Heilerziehungspfleger Benjamin Hartmann berichtet von einem neuen Umgang mit diesem Thema im Wohnverbund Darmstadt.

Ende 2014, die Freizeitplanungen stehen an. Aber Moment… Nennen wir’s doch bitte Urlaub. Denn das soll es schließlich sein: Urlaub!

Die bisherigen Freizeiten, pardon: ‚Urlaube‘, waren immer mehr oder weniger Kompromisse, meistens mehr. Unsere Bewohnerinnen und Bewohner leben in Wohngemeinschaften, die Zweck- und keine Wunschgemeinschaften sind. Bei den Urlaubsangeboten ist es dann doch sehr ähnlich, weshalb der ganz eigene Terminus „Freizeiten“ in Abgrenzung zum Begriff Urlaub durchaus seine Berechtigung hat.

Jedem Einzelnen den Wunsch- oder Idealurlaub zu ermöglichen, ist zudem bei begrenzten Ressourcen kaum möglich; schwer abzubauende Überstunden drohen. Angebote von externen veranstaltern waren in der Mehrzahl unpassend oder nicht gewünscht. Die Devise im Wohnverbund Darmstadt lautete wie so oft: „Machen wir das Beste draus.“

Aus dem Wunsch, es dennoch ein bisschen besser und vor allem bedarfsgerechter zu gestalten, entstand – angeregt durch Wohnverbundleiter Friedhelm Mahr – die Idee, sich im Wohnverbund zusammenzuschließen. Man einigte sich auf einen Termin und startete die Planung. Erfreulicherweise blieben die befürchteten Ressentiments größtenteils aus.

Die Mitarbeitenden des Wohnverbunds planten für Anfang Juni eine Vielzahl von Urlaubsreisen, bei denen sowohl BewohnerInnen als auch Mitarbeitende bunt durchmischt werden sollten. Es entstand eine spannende Kombination aus interessanten, bedarfsgerechten und in der Gesamtheit ressourcenschonenden (zumindest in der Theorie, darauf komme ich später zurück) Urlaubsangeboten.

Geplant wurden eine Städtetour, Urlaub auf dem Bauernhof, Wandern, Radeln, Reisen nach Holland, Frankreich, Mallorca und in die Türkei. Es gab „All-inclusive“ und Selbstversorgerurlaube und auch für den schmaleren Geldbeutel war etwas dabei.

Wie spart man dabei? Was ist daran ressourcenschonend? Üblicherweise bedeuten Freizeiten eine Doppelbelastung, in diesem Fall schlugen wir zwei Fliegen mit einer Klappe. Durch die gemeinsame Organisation aber konnten manche Wohneinheiten während dieser Woche „geschlossen“ werden – es war schließlich niemand mehr da! Vergleichbare Angebote auf das Jahr verteilt wären deutlich kostenintensiver.  

Positive Nebenwirkungen

Neben den erwähnten „finanziellen“ Nebenwirkungen sehen wir den Löwenanteil beim Durchmischen von BewohnerInnen und Mitarbeitenden. Die Hürden für gemeinsame Aktivitäten in der Zukunft sind deutlich gesunken – „man kennt sich“, unternimmt gemeinsame Aktivitäten und plant bereits für die kommenden Jahre.

Was können wir noch besser machen?

Die Planung muss früh starten und sollte im Zusammenhang mit der Jahresurlaubsplanung gesehen werden. Es sollten „Springer“ bereitstehen; Stellenwechsel, Umzüge, Schwangerschaften etc. sind nicht immer vorhersehbar und erschweren die Organisation. Gut, wenn man das eine oder andere (personelle) Ass im Ärmel hat. Bei der Planung werden wir in Zukunft auch auf andere Bundesländer und deren Ferienzeiten (jaja, die lieben Pfingstferien) schielen. In welchem Umfang Vorgaben zu Zeitpunkt, Dauer, Gruppengröße und Besetzung gemacht werden sollten, darüber sind wir uns nicht ganz einig.

Die Themen Unterstützte Kommunikation und „leichte Sprache“ haben wir während der Planung sträflich vernachlässigt, wir geloben Besserung.

Auch für die meisten BewohnerInnen des Wohnverbunds ist diese Art der Urlaubsplanung Neuland, viele taten sich mit der Beteiligung an der Planung schwer. In Zukunft werden wir sie noch mehr und früher miteinbeziehen und unterstützen. Ein Urlaub, bei dem der Mitarbeiter ausschließlich als Assistent fungiert, ist denkbar und wünschenswert.

Das organisatorische Drumherum einer solchen Urlaubsreise kann ein ziemliches „Päckchen“ sein. Manche Unterkünfte hatten nicht die notwendige pflegerische Ausstattung, durch unerwähnte Barrieren entstanden unerwartete Herausforderungen. Die Fahrzeugversorgung war ebenfalls nicht ganz leicht, war der Bedarf doch recht geballt. Es ist zudem schwierig, wenn man zwar eine Reise plant, jedoch nicht persönlich beim Packen der Koffer dabei ist oder gemeinsame Vortreffen nicht wahrgenommen werden. In Zukunft werden genauere Packlisten und verbindliche Vortreffen notwendig sein.

Alte Pfade verlassen

Lieber auf neuen Wegen etwas stolpern, als auf alten Pfaden auf der Stelle treten.

Es gibt BewohnerInnen, die auch im Urlaub einen Mitarbeiter ihrer Wohneinheit zur Sicherheit brauchen oder wollen. Dem zunehmenden Alter der Menschen im Wohnverbund muss ebenfalls Rechnung getragen werden. Die Zahl derer, die auf Hilfsmittel wie Rollatoren oder Rollstühle oder ganz allgemein mehr Unterstützung angewiesen oder per se weniger mobil sind, nimmt stetig zu. Das Urlaubsangebot, die Unterkunft und auch die Besetzung müssen passen.

Bei allem guten Willen müssen wir acht geben, dass kein Zwang daraus wird. Niemand muss Urlaub machen, der nicht will.

Das Resümee – Empfehlenswert?

Vielleicht nicht für jeden Wohnverbund oder jede Einheit, vielleicht löst bereits die bloße Vorstellung bei manchen Mitarbeitetenden Argwohn, Angst oder Abwehr aus. Ich empfehle es dennoch. Die überschaubaren Schwierigkeiten verbuchen wir wohlwollend unter „Erfahrungen sammeln“, die Rückmeldungen der Teilnehmer und Mitarbeitenden waren zum allergrößten Teil positiv. Traut Euch! – Denn lieber auf neuen Wegen etwas stolpern, als auf alten Pfaden auf der Stelle treten.

Bild Holland am Meer: An der holländischen Nordsee machten BewohnerInnen aus der Binger Straße in Darmstadt und der Heidelberger Landstraße in Eberstadt gemeinsam Urlaub.

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