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Vom Krieg ins Sonnenscheinhaus

21.10.2022 | Joachim Albus

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Joachim Albus

Joachim Albus arbeitet als Pressereferent und Texter für die NRD.

Vom Krieg ins Sonnenscheinhaus

Seit April leben im Sonnenscheinhaus der NRD in Erbach zwei geflüchtete Familien aus der Ukraine. Mit dabei: vier Kinder, von denen zwei mit Behinderung leben. Für unseren Blog erzählen sie ihre bewegte Geschichte.

Ihre Augen sind groß und traurig, immer wieder kullern Tränen die Wange herunter. Vladlena, 44, hat sich bereit erklärt, ihre Geschichte und die ihres Sohnes Stepan, 16, einem Jugendlichen mit Mehrfachbehinderung, zu erzählen. Stepan ist zu diesem Zeitpunkt in einem Nebenzimmer – er ist am liebsten alleine. Vladlena spricht Englisch, es ist nicht ihre Sprache, aber nicht nur deswegen sucht sie immer wieder nach Worten. Was die beiden erlebt haben, ist eigentlich unbeschreiblich.

Vladlena stammt aus der Millionenmetropole Charkiw, 40 Kilometer von Russlands Grenze entfernt. Die 44-Jährige ist Managerin in einem pharmazeutischen Unternehmen, für das sie am 23. Februar 2022 in das rund 200 Kilometer entfernte Sumy musste. Am nächsten Tag änderte sich ihr Leben innerhalb von Sekunden. „Morgens um 6 wurde ich in einem Hotel wach, weil mein Handy ständig summte. Es waren Nachrichten von meinem besten Freund, der mir mitteilte, dass der Krieg begonnen hatte. Ich hielt ihn für verrückt, aber als ich die Nachrichten sah, verstand ich, dass es wahr war: Es fielen Bomben auf meine Heimatstadt Charkiw. Ich schrieb sofort meinen Eltern, die dort leben. Sie passten auf meinen Sohn auf. Alle waren okay, aber sie hörten die Bomben. Ich wusste nicht, was ich tun sollte.“ Eine innere Stimme sagte ihr, dass sie sofort heim musste, der Kopf hielt sie davon ab, weil sie wusste, dass es zu gefährlich war. „Ich hatte große Angst“, sagt sie und blickt in die Ferne. An diesem Morgen begegneten ihr in Sumy 15 russische Panzer. Jetzt erst, so erzählt sie, realisierte sie endgültig, dass sie sich mitten im Krieg befand.

Als in Charkiw wieder die Sirenen ertönten – da war der Krieg gerade einmal fünf Stunden alt – rief ihre Schwiegermutter an und sagte, sie hole Stepan und gehe mit ihm in den Bunker. Dort blieben sie sieben Tage lang. Sieben Tage, in denen Stepan kein Sonnenlicht sah, sieben Tage, die er ganz eng mit 22 fremden Menschen verbringen musste. Stepan, der am liebsten für sich allein ist. „Das war eine Katastrophe für ihn“, sagt seine Mutter, die in dieser Zeit bei ihrer Kundin in Sumy wohnen durfte. „Sie hat mir im tiefsten Winter das Leben gerettet“, sagt Vladlena dankbar – und fügt an, dass diese Frau, die ihr warme Kleidung, ein Bett, Essen und „hin und wieder eine Umarmung“ gab, eine Russin war.

Irgendwann schaffte es Vladlena durch einen von der Politik geschaffenen „Grünen Korridor“ nach Poltawa, immerhin ein bisschen näher an Charkiw als Sumy. Nachts, in einer Kolonne von „fünf-, vielleicht sechstausend Autos“, in der sie einfach mitfuhr, ohne den Weg zu kennen. Vladlena erinnert sich an die vielen Panzer, die rechts und links am Wegesrand standen. „Das machte mir Angst“, sagt sie. Nach zwei Wochen sah sie endlich ihren Sohn wieder, mit dem sie tagelang noch nicht einmal telefonieren konnte, weil sie so viel weinen musste. „Ich wollte nicht, dass er das mitbekam, denn ich wollte stark sein für ihn“, sagt Vladlena und lächelt matt.

Eines Tages erzählte ihr Stepans Arzt, mit dem sie ohnehin in ständigem Kontakt stand, dass er eine Frau aus Rheinland-Pfalz kenne. Und so kam es, dass Mutter und Sohn mit dem Auto über Ungarn und Österreich nach Deutschland fuhren, um am 17. März in Gauersheim eine vorläufige Bleibe zu beziehen. Auf der Suche nach einer dauerhaften Unterkunft wurde Vladlena dann von einer Pfarrerin der EKHN auf die NRD aufmerksam gemacht.

Das Ende der Odyssee: Ankunft im Sonnenscheinhaus

Die wiederum vermittelte ihr den Kontakt zur NRD. Als Vladlena hörte, was die Nieder-Ramstädter Diakonie bieten konnte – immer mit Blick auf ihren gehandicapten Sohn – war sie sofort begeistert. Beate Braner-Möhl, die die Ukraine-Hilfe der NRD koordiniert, empfing die beiden am 8. April im Sonnenscheinhaus in Erbach. Seitdem besucht sie die kleine Familie mindestens zweimal pro Woche für zwei bis vier Stunden, je nachdem, was anliegt. Aktuell hat Beate Braner-Möhl – nach bislang allen anderen genommenen bürokratischen Hürden – für Stepan einen Antrag auf Feststellung einer Schwerbehinderung gestellt. „Alle Dokumente vollständig und richtig zu beantragen, das ist fast nicht leistbar“, konstatiert sie, „schon aufgrund der psychischen Verfassung, in der diese Menschen hier ankommen. Die bürokratischen Herausforderungen sind enorm.“

Die NRD entschied gleich nach Ausbruch des Krieges, Geflüchteten mit Behinderung zu helfen. Im Sonnenscheinhaus in Erbach im Odenwald, das eigentlich als barrierefreies Ferienhaus angeboten wird, wurden zwei Appartements zur Verfügung gestellt. Die NRD schloss einen Mietvertrag mit der Kommune Erbach, die auf Vorschlag der NRD die Mietkosten festsetzte, die seitdem die Stadt Erbach zahlt. Alle weiteren Kosten übernimmt die NRD. „Bei aller Hilfe, die wir diesen Menschen zukommen lassen, achten wir darauf, ihnen nicht das Gefühl von Abhängigkeit zu vermitteln, weil sie das beschämen könnte. Wir dürfen nie vergessen, dass sie ihr eigenes Leben in der Ukraine hatten, mit beiden Beinen mitten im Leben standen, bevor der Krieg ausbrach.“

Wie es weitergeht, wissen Vladlena und Stepan nicht. Irgendwann wollen sie zurück nach Charkiw. Bis dahin will sich die Mutter bestmöglich integrieren, die Sprache lernen, arbeiten gehen. Mit ihrem Sohn redet Vladlena mittlerweile über den Krieg. Leider, so erzählt sie, kann er sich noch genau an die vielen Tage im Bunker erinnern. Er habe in dieser Zeit jedes Gespräch mit angehört, das von Politik und Krieg handelte, erinnert sich sehr genau an das Geräusch explodierender Bomben. Die Enge in diesem Raum hat ihn derart geprägt, dass er in seinen ersten Nächten im Sonnenscheinhaus in der Badewanne schlief, weil er noch nicht einmal seine eigene Mutter neben sich ertrug. Traumata, die es nach und nach zu bewältigen gilt. Die NRD wird ihm dabei helfen. „Deutschland und die NRD haben viel für mich und meine Familie getan. Die Zuwendung und Hilfe sind großartig!“, sagt Vladlena mit Tränen in den Augen. „Es ist mir ein großes Anliegen, mich bei allen zu bedanken.“

Familie Potieiev

Familie Potieiev: schwanger auf der Flucht

Das andere Appartement im Sonnenscheinhaus bewohnt die Familie Potieiev. Das sind Vater Yevhen, 46, Mutter Tetiana, 39, Volodymyr, 10, Danylo, 6, und Dmitry, der am 15. Juni 2022 im Odenwald geboren wurde. Der Älteste, Volodymyr, ist ein kontaktfreudiger, freundlicher Junge, der im Rollstuhl sitzt, zudem geistig beeinträchtigt ist. Die Potieievs kommen aus Kiew und sind mit dem Zug zunächst nach Polen geflüchtet. Mit dem Bus ging es dann nach Kelsterbach bei Frankfurt, wo sie mit 60 anderen Geflüchteten in einem Hotel untergebracht wurden, darunter viele Kinder mit Behinderung. „Es gab dort sehr viele Konflikte“, erzählt Yevhen, der sich mit einer Übersetzungs-App verständigt, da niemand aus der Familie Englisch spricht. Geschweige denn Deutsch, denn: „Es war ja nie unser Plan, nach Deutschland zu gehen.“

In Kelsterbach lernten sie eine Ukrainerin kennen, die bereits seit vielen Jahren in Deutschland lebt. Sie stellte den Kontakt zu Julius Wagner, Hauptgeschäftsführer der DEHOGA (Deutsche Hotel- und Gaststättenverband e.V.) Hessen, her. Der wiederum kontaktierte das evangelische Büro in Wiesbaden und gelangte damit über Umwege an Beate Braner-Möhl. „Weil Tetiana im März bereits im achten Monat schwanger war und hier in Erbach ein Krankenhaus ist, haben wir uns schnell entschieden, der Familie Potieiev zu helfen“, erzählt sie. „Mir war wichtig, dass die Familie medizinisch gut begleitet wird und dass das Kind in Frieden zur Welt kommen kann.“ Außerdem gibt es für Volodymyr eine Förderschule in Erbach, für den sechsjährigen Danylo eine Grundschule. Am 20. April erreichte die damals noch vierköpfige Familie das Sonnenscheinhaus der NRD.

Hier lebt die Familie wieder weitestgehend unabhängig und selbstbestimmt. „Wir sind sehr glücklich darüber, dass wir hier sein können“, erzählt Yevhen, der in seiner Heimat unter anderem als Einkaufsleiter arbeitete. Endlich konnte sich Tetiana in Ruhe auf die Geburt vorbereiten. Ihnen zur Seite stehen seit ihrem ersten Tag in Erbach viele hilfsbereite Menschen – neben Beate Braner-Möhl Ehrenamtliche wie Frank und Dagmar vom Roten Kreuz Erbach. Außerdem kennt die Familie mittlerweile andere Geflüchtete aus der Ukraine, die im Odenwald Zuflucht gefunden haben. Der zehnjährige Volodymyr ist mittlerweile im Sozialpädiatrischen Zentrum Heidelberg aufgenommen, das sich auf Kinder mit komplexen Mehrfachbehinderungen spezialisiert hat. Demnächst wird er die Förderschule in Erbach besuchen, auch darum hat sich die NRD gekümmert.

Die Situation in ihrem Heimatland macht die Eheleute Potieiev unendlich traurig. „Warum sterben unsere Leute, kleine Kinder? Warum wirft Putin Raketen auf unser Land?“, fragt Tetiana. „Das Leid der Menschen ist ihm egal.“ Die Mutter hat einen großen Wunsch für ihre drei Kinder: „Ich wünsche ihnen, dass sie in Frieden leben, dass keine Raketen über ihre Köpfe hinweg fliegen, keine Explosionen zu hören sind, damit meine Kinder nicht weinen und schreien müssen: Mama, ich will leben, ich will nicht sterben!“

Wie bei Vladlena und ihrem Sohn steht auch bei Familie Potieiev in den Sternen, wann sie zurückkehren. „Es hängt davon ab, wann wieder Frieden einkehrt und ob dann unsere Wohnung noch steht“, sagt Tetiana und weint. „Wenn alles ruhig bleibt, werden wir wieder nach Hause gehen.“

In Erbach sind beiden ukrainischen Familien sicher, versorgt und dankbar. Glücklich sind sie nicht. Sie sind auf der Flucht und nicht freiwillig hier. Jeden Tag bangen sie um ihre Angehörigen, um ihre Häuser und Wohnungen. Es sind Menschen, die jeden Tag darauf warten, in ihre Heimat zurückkehren zu können. Die NRD ist bis dahin an ihrer Seite.

Aktuelles

Vladlena und Stepan sind Mitte Oktober nach Wuppertal gezogen. Wir wünschen den beiden alles Gute für ihre weitere Zukunft!

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  • Inklusion...

    ... heißt für mich, dass alle teilhaben. Es muss nicht immer alles perfekt sein, damit behinderte Menschen teilhaben können. Statt einer Super-Rampe tut es auch ein Stück Sperrholz. Und wenn das auch fehlt, kann man mich auch gerne mal über die Schulter werfen und irgendwo hinein tragen.

    Inklusion...
    Tobias Koch
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