Was hier entsteht, ist hilfreich

21.06.2017 | Marlene Broeckers

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Marlene Broeckers

Texterin und Pressereferentin der NRD

Was hier entsteht, ist hilfreich

Kahle Einrichtung, nackte Wände, wenige persönliche Dinge – besonders einladend sind die Hotelzimmer, in denen Jugendliche aus Afghanistan, Eritrea, Somalia, Kamerun und Syrien untergebracht sind, nicht. Aber darauf kommt es auch nicht an, denn es ist nur eine vorübergehende Lösung. An verschiedenen Standorten werden sie als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (umF) von der NRD Orbishöhe betreut und bei ihren persönlichen Zielen unterstützt.

Angesichts der großen Zahl von Flüchtlingen, die ab 2014 und vermehrt 2015 nach Deutschland kamen, mussten auch Notangebote gefunden werden. Die NRD Orbishöhe, den Jugendämtern in Südhessen als bewährter und in Sachen minderjähriger Flüchtlinge erfahrener Träger bekannt, erklärte sich auf drängende Anfragen bereit, Notangebote für 60 Kinder und Jugendliche in verschiedenen Landkreisen zu realisieren, die ohne Begleitung und unter großen Gefahren in Deutschland angekommen sind.

Wie fast überall in Deutschland werden seit Oktober 2015 – seitdem werden Flüchtlinge nach Quoten in alle Bundesländern verteilt – für die Unterbringung von Kindern und Jugendlichen Hotels angemietet. Das Jugendamt fungiert in diesem Fall als Mieter.

Flur
Waschküche
 

Hostel-Konzept

Dass die Jugendlichen nicht mehr zwischen den Hotelgästen untergebracht sind, sondern einen Flügel des Hauses für sich alleine haben, ist ein großer Schritt weg vom Notangebot hin zu „einem ambulanten Angebot mit stationären Anteilen“ wie es Thomas Fedrich, Fachberater für umF in der NRD Orbishöhe verwaltungssprachlich nennt. „Wir haben noch keinen richtigen Namen dafür“, sagt er, „und wir sind dabei, ein Konzept zu entwickeln. ‚Hostel-Konzept‘ ist ein erster Begriff, den wir dafür gefunden haben.“

Die „regulären“ Angebote, die es in der NRD Orbishöhe seit 1985 für umF gibt, nennen sich einfach Wohngruppen und finden statt in Häusern, die die NRD Orbishöhe selbst gemietet, gekauft oder gebaut hat, so wie die Wohngruppe in Michelstadt, die im Oktober 2016 starten konnte und sich kürzlich an einem Tag der offenen Tür vorstellte.

So schön wie in Michelstadt sind die umF in den Hotels bei weitem nicht eingerichtet. „Man darf das nicht vergleichen“, so Thomas Fedrich. Nicht überall entspricht es dem Standard der NRD Orbishöhe. „Aber wir tun, was möglich ist, um zumindest unserem inhaltlichen Standard auch hier näher und näher zu kommen.“
Das bestätigt Bita Wolf, die fast von Anfang an, also seit Oktober 2016, dabei ist, als man mit drei Mitarbeitenden startete. Inzwischen hat sich die Zahl verdoppelt. Es gibt Koordinatoren für bestimmte Regionen. Und außerdem ist auch Thomas Fedrich noch da, der Fachberater für die NRD Orbishöhe in allen vier Landkreisen, in denen minderjährige Flüchtlinge in Maßnahmen der Jugendhilfe versorgt werden.

Der obere Wohnraum
Der obere Wohnraum

Panik gehört zum Alltag

Durch einen Brief vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf), den einer der Jungs empfängt, können die Wellen im Haus hochschlagen. X. aus Afghanistan hat einen Bescheid über die Ablehnung seines Asylantrages erhalten und gerät in Panik. Mit ihm die anderen 20 Hausbewohner. Dann sind die Mitarbeitenden gefordert, beruhigend einzuwirken und gegen die Angst, abgeschoben zu werden, zu arbeiten. Das ist schwer: Wie will man Sicherheit vermitteln, wenn klar ist, dass es objektiv keine Sicherheit gibt?

Dies ist allerdings kein Sonderfall, sondern es gehört zum Alltag in allen umF-Wohngruppen: Keiner der insgesamt rund 100 betreuten Jugendlichen hat einen sichereren Aufenthalt; alle hoffen darauf, dass ihr Asylantrag bewilligt wird bzw. dass sie zumindest Flüchtlingseigenschaften zuerkannt bekommen; dass sie erst einmal bleiben, einen Schulabschluss machen, eine Ausbildung anfangen; zeigen, dass sie sich integrieren wollen und können – und sich dann vielleicht hier eine Existenz aufbauen können.

Die meisten sind mit „Aufträgen“ geflüchtet. Zu allererst: Überleben. Aber auch: Etwas aus sich zu machen, Geld zu verdienen und es nach Hause zu schicken; einen Beruf zu lernen und als gemachter Mann zurückzukehren. „Wenn ich das nicht schaffe, kann ich niemals zurück, dann bin ich ausgestoßen“. Sätze wie diese hören die Begleiter der Flüchtlinge oft. Sie spüren den ungeheuren Druck, der auf den jungen Menschen lastet. Die Angst, nicht erfüllen zu können, was die Familie von ihnen erwartet. Und auch die Belastung durch schreckliche Erfahrungen, die die Jugendlichen vor und während ihrer Flucht gemacht haben.

Dass sie es überhaupt bis hierher geschafft haben, macht sie ja eigentlich zu Helden. Doch so fühlen sie sich nicht und so werden sie im Gastland auch nicht behandelt. Aus ihren Heimatländern bringen Flüchtlinge die Erfahrung mit, dass Polizisten bedrohlich, dass Ämter und Behörden eher korrupt sind und willkürlich handeln. Dass es hierzulande ein echtes Hilfesystem gibt und dass staatliche Stellen auch unterstützende Partner sein können, ist ihnen zunächst völlig fremd.

Der Wohnraum im Untergeschoss
Der Wohnraum im Untergeschoss

Verwaltete Not

Thomas Fedrich gehört seit 2016 zur NRD Orbishöhe. Er hat vorher fast 20 Jahre bei der „Clearingstelle für umF“ beim Jugendamt Frankfurt am Main gearbeitet und soll in der NRD Orbishöhe regionsübergreifend helfen, die bestehenden Standards in der Arbeit mit umF zu sichern und weiterzuentwickeln. Die Anfrage der NRD Orbishöhe kam für Thomas Fedrich zur rechten Zeit, denn im Zuge der Gesetzesänderung veränderten sich seit 2015 die Aufgaben und Arbeitsinhalte der beiden hessischen „Clearingstellen“ in Frankfurt und Gießen, bei denen nach wie vor die Mehrzahl der umF in Hessen ihren ersten Kontakt mit dem Jugendamt haben. Bis zum Oktober 2015 dauerte das „Clearing“, also die Arbeit der Erkenntnis über die Situation des neu angekommenen Flüchtlings (Alter, Herkunft, Fluchterfahrungen, mögliche Anknüpfungspunkte in Deutschland etc.) meist drei Monate und mehr. Jetzt muss innerhalb von 7 Tagen entschieden werden, ob der umF bundesweit verteilt oder zukünftig in Hessen versorgt wird. Das „Clearing“ wurde dadurch faktisch auf die Jugendämter bzw. Jugendhilfeeinrichtungen vor Ort übertragen, die längerfristig für die Versorgung der umF zuständig werden. Man darf sich fragen, woher die Ämter, die von heute auf morgen neue Aufgaben übernehmen müssen, die Kompetenz dafür nehmen. Und fraglich ist auch, wie die Bundesländer, die vorher nichts oder nur wenig damit zu tun hatten, die notwendigen Strukturen schaffen, um angemessen mit umF umzugehen.
 
Der Job von Fedrichs Team ist es, „den Jungs“ im Haus zur Seite zu stehen. Gibt es ein Bild dafür, was die Begleiter tun? Ein Jongleur, der etliche Bälle in der Luft halten muss, von denen einer zerbrechlich ist. Das ist der einzelne Mensch, jeder einzelne von den Jungs, der nicht fallen und nicht zerbrechen darf, während die anderen „nur“ Bälle sind, die Jugendamt, Gericht, Arzt, (qualifizierter) Hauptschulabschluss, Angst, Träume, Zukunft als Zahnarzt heißen.

Doch mit all diesen Bällen haben die Jungs und das Team jeden Tag zu tun. Aber es gibt auch ein Zuhause. Mit einer Mitarbeiterin haben sie in den Weihnachtsferien Teile des Treppenhauses und das Wohnzimmer im 1. Stock ihres Hotels hell angestrichen. Umsonst oder für kleines Geld wurden via Internet Einrichtungsgegenstände beschafft, die für ein bisschen Gemütlichkeit sorgen. Ein Nachbar kommt ins Haus und unterrichtet Deutsch und Mathe. Was hier entsteht, ist hilfreich.

Thomas Fedrich, Fachberater  für vier Landkreise
Thomas Fedrich, Fachberater für vier Landkreise
Bita Wolf gehört seit Oktober 2015 zum Team
Bita Wolf gehört seit Oktober 2015 zum Team
 
 
 

Der Alltag ist vom Lernen geprägt

Die NRD Orbishöhe GmbH betreut in den Landkreisen Darmstadt-Dieburg, Groß-Gerau, Bergstraße und Odenwald rund 100 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (umF). Die amtliche Bezeichnung wurde 2015 in „unbegleitete minderjährige Ausländer (umA) umgewandelt. Thomas Fedrich bevorzugt die „alte“ Bezeichnung umF: „Der Begriff Ausländer ist zu unkonkret und verschleiert das Thema Flucht“, meint er.

Ziel der Arbeit ist es, die Kinder und Jugendlichen bis zur Volljährigkeit zu begleiten und so zu unterstützen, dass sie als junge Erwachsene möglichst selbstständig zurechtkommen. Dies bedeutet nicht, dass die Betreuung in Wohngruppen mit dem 18. Geburtstag endet. Wenn die persönliche Entwicklung es erfordert, kann die Maßnahme auch weiter fortgesetzt werden, zum Beispiel bis zum Schulabschluss und auch darüber hinaus. Anschließend besteht die Möglichkeit, in einer eigenen Wohnung weiterhin punktuelle Unterstützung zu bekommen (Betreutes Wohnen).

Der Alltag der Jugendlichen in den umF-Wohngruppen ist hauptsächlich vom Lernen geprägt: Sie besuchen unterschiedliche Schulen, um zunächst einen Hauptschulabschluss zu machen oder nehmen an sogenannten ausbildungsvorbereitenden Maßnahmen (z.B. AVM) teil, einem dualen System, das neben schulischer Bildung auch Qualifizierungsmaßnahmen für verschiedene Berufe bietet.

Anders als in den regulären umF-Wohngruppen übernachtet regelhaft kein Mitarbeiter in den Hotels, die als Notangebot fungieren. Das Jugendamt hat einen Sicherheitsdienst beauftragt, der nachts mehrere Rundgänge im Haus macht und für die Jugendlichen ansprechbar ist, wenn es ein Problem oder einen Notfall gibt. Die eingesetzten Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes werden von ihrem Arbeitgeber speziell ausgesucht und vorbereitet. Ein regelmäßiger Austausch zwischen dem Jugendamt, dem Sicherheitsdienst und der NRD Orbishöhe GmbH gehört ebenfalls zum Gesamtkonzept.

Jeder Bewohner hat einen sogenannten Bezugsbetreuer, der sich besonders um ihn kümmert und über seinen „Fall“ gut Bescheid weiß. Da alle minderjährigen Jugendlichen einen vom Familiengericht bestellten (Amts-)Vormund haben – wenn es sich dabei um eine Frau handelt, heißt dies „Vormündin“ - sind die Mitarbeiter regelmäßig mit diesen im Gespräch, denn ohne Vormund oder -mündin dürfen keine wichtigen und existentiellen Entscheidungen getroffen werden. Auch mit RechtsanwältInnen, Ämtern und ÄrztInnen haben die Mitarbeitenden fast täglich zu reden und Dinge zu klären. Trotzdem gibt es auch Zeit für Freizeitangebote: Einen Ausflug in den Freizeitpark, zu einem Fußballspiel, zum Shoppen oder ins Theater. Die Beziehung zu den Nachbarn ist „gut bis sehr gut“, so Thomas Fedrich, Beschwerden konnten bisher auf kurzen Wegen geklärt werden. Ein Nachbar kommt regelmäßig ins Haus, um ehrenamtlich Nachhilfe in Deutsch und Mathe zu geben. Auch beim „Asylkreis“, zu dem von der Gemeinde eingeladen wird, sind regelmäßig Mitarbeitende aus dem Team vertreten und arbeiten mit.

Etwa jeder vierte Flüchtling nach Europa ist minderjährig.

"Verfolgung, Krieg und Armut zwingen so viele Menschen wie nie zuvor, ihre Heimat zu verlassen. Statistisch gesehen sucht derzeit jeder 113. Mensch auf der Erde Asyl, ist Flüchtling oder binnenvertrieben. Das zeigt der Jahresbericht 2015 des Flüchtlingswerks der Vereinten Nationen UNHCR. Demnach sind weltweit 65,3 Millionen Menschen auf der Flucht. Das entspricht etwa der gesamten Einwohnerzahl Frankreichs oder Großbritanniens."
Quelle: Zeit online, 20. Juni 2016

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