Man musste lernen, auf sich aufzupassen

07.09.2015 |  Gastautor

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Man musste lernen, auf sich aufzupassen

„1974 bin ich nach Magdala gezogen, und das war erst einmal ein großer Schritt für mich. In Eben-Ezer war es so, da wurde man behütet, es wurde geguckt und aufgepasst. In Magdala musste man lernen, auf sich selber aufzupassen. Dass man nicht in Streit gerät. Man musste lernen, sich zu wehren, wenn man geschlagen, getreten oder an den Haaren gezogen wurde. Da hat man auch geweint. Der andere wurde auch gestraft oder geschimpft von den Mitarbeitern. Aber später haben die Mitarbeiter nicht mehr geholfen. " Für das Buch "Aussortiert" berichtete Horst Enzmann aus seiner Kindheit und Jugend in der NRD.

Horst Enzmann, der im Alter von einem Jahr in die Heime aufgenommen wurde, lebte zuerst im Kinderhaus Eben-Ezer. Seine Mutter hatte ihn wegen seines Hydrozephalus und einer Fehlbildung von Händen und Füßen direkt nach der Geburt 1967 in eine Kinderklinik nach Frankfurt und danach in ein Säuglingsheim bringen lassen. Die Eltern suchten nur sehr selten Kontakt zu ihrem Kind, seine Großmutter sah er dagegen regelmäßig.

Mit sieben Jahren musste Horst ins Haus Magdala umziehen. Zwei Schwestern waren besonders freundlich zu ihm, was „Horsti“, wie er von vielen genannt wurde, angeblich immer wieder ausnutzte. „Bei seinen Beschützerinnen reagiert er kleinkindhaft, indem er nur breiige Kost zu sich nimmt, auch manchmal aggressive Verhaltensweisen zeigt und immer wieder seine Durchsetzungskraft ausprobiert.“  Das vertrauensvolle Verhältnis blieb trotzdem vor allem zu einer der Schwestern bestehen. Über viele Jahre besuchte Horst Enzmann später die betagte Frau im Haus Abendfrieden. Sehr betroffen war er, als sie altersbedingt erkrankte und schließlich verstarb.

Über 20 Jahre lebte Horst Enzmann im Haus Magdala. Besonders die Zeit ab seinem 14. Lebensjahr hat er in schlechter Erinnerung; umso lieber denkt er an seine Geburtstagsfeiern und die Weihnachtsfeste. Damals zog er in eine Wohngruppe mit 15 pubertierenden und älteren Jungen. Zu dritt teilte man sich ein Zimmer. Die Jungen hielten sich aufgrund des Platzmangels meist im Wohnzimmer auf, wo es häufig zu Streitereien kam. Dann wurden Gruppenstrafen verhängt, die für alle galten: Fernsehverbot, Streichung des Taschengeldes, Ausgangsverbot. Bei Stubenarrest mussten die Jugendlichen nach der Schule und dem Mittagessen in ihr Zimmer gehen und durften nur zum Abendessen kurz herauskommen. Die Gruppenstrafen hielten meist zwei bis drei Tage an, manchmal auch eine Woche.

„Das war eine schlimme Strafe, wenn man nichts dafür kann“, erinnert sich Horst Enzmann. „Man hat sich auf das Bett gelegt oder ich weiß nicht mehr. Wir waren dann alle frustriert, und dann haben wir uns gegenseitig noch angemacht. Natürlich nicht so laut, denn wenn das zu hören war, wurde die Strafe vielleicht verlängert, das wollten wir natürlich nicht. Deswegen haben wir geflüstert oder uns nicht so laut unterhalten. Die Mitarbeiter haben auch nicht mit uns geredet. Noch nicht einmal ‚Guten Tag‘ oder wie die Schule war. Sondern nur ‚Essen gehen‘ und ‚Ab ins Zimmer‘. Das war früher so.“

Wenn es zu Streitigkeiten kam und die Jugendlichen sie nicht lösen konnten, gab es den sogenannten Matratzenball. Im Esszimmer wurde Platz gemacht, Tische und Stühle zur Seite gerückt, und Matratzen wurden in die Mitte gelegt. „Immer zwei Leute mussten auf der Matratze miteinander kämpfen. Und das mussten auch die, die nicht wollten. Oh, wie habe ich das gehasst. Und was soll ich machen, ich habe mich natürlich auch gewehrt. Ich habe das nicht gewollt, aber ich musste mitmachen“, weiß Horst Enzmann heute noch genau.  An Freundschaften aus dieser Zeit kann er sich nicht erinnern.

Nachdem Ende der 70er-Jahre im Haus Magdala umgebaut worden war, besserte sich die Lage für Horst Enzmann. „Da habe ich mich wohler gefühlt“, erzählt er. „Da wurde jeder so behandelt, wie er es brauchte, es wurde keiner benachteiligt. Es wurde mit jedem selber ausgemacht, wie lange er weggehen darf oder wann er ins Bett soll.“  Die schlimmste Zeit in den Heimen war für ihn damit zu Ende.

Inzwischen lebt Horst Enzmann schon seit vielen Jahren nicht mehr in einer Wohngruppe, sondern bewohnt sein eigenes kleines Apartment in Mühltal. Sein Leben gestaltet er selbstständig, nur gelegentlich wird er von Mitarbeitern des betreuten Wohnens unterstützt. Nach seiner Arbeit im hauswirtschaftlichen Dienst besorgt er Einkäufe und kümmert sich um seinen Haushalt. Abends geht er gerne mal etwas trinken und trifft dabei auch Freunde.

Genaue Vorstellungen hat er davon, was er noch erreichen möchte: „Ich hätte gerne irgendwann mal einen Außenarbeitsplatz. Es ist schwierig, übernommen zu werden. In der Küche würde ich gerne arbeiten, weil es mir liegt. Aber auch eine Bürotätigkeit kann ich mir vorstellen.“ 

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  • Inklusion...

    ... finde ich sehr gut. Wenn Kinder von Anfang an zusammen sind und nicht auseinandersortiert werden, gewöhnen sich alle aneinander und können lernen, sich gegenseitig zu helfen. 

    Inklusion...
    Horst Enzmann
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