Inklusives Wohnhaus mit sechs Einzel-Apartments

21.12.2018 | Marlene Broeckers

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Marlene Broeckers

Texterin und Pressereferentin der NRD

Inklusives Wohnhaus mit sechs Einzel-Apartments

Wohnungen sind Mangelware. Kleine Wohnungen, wie sie von der zunehmenden Zahl der Singles in unserer Gesellschaft gesucht werden, erst recht. Und noch schwieriger wird es, wenn diese Singles von Grundsicherung leben müssen wie die Klient*innen im Betreuten Wohnen der NRD. Deshalb ist das Haus in der Bertha-von-Suttner-Straße 4 in Groß-Zimmern ein Glücksfall. Hier sind vor einem halben Jahr sechs Frauen in sechs Einzel-Apartments eingezogen. Und die NRD als Vermieter hat die Hausbesatzung inklusiv gestaltet.

An der Stelle des Neubaus in der Bertha-von-Suttner-Straße stand vorher ein altes, fast zerfallenes kleines Wohnhaus mit Scheune. Bauunternehmer Jannik Riedl, der NRD bekannt aus dem gemeinsamen Wohnprojekt in der Kettelerstraße, hatte das Objekt mit seinem Partner für die Entwicklung eines neuen Wohnhauses erworben. Im Zuge der Planung als Apartmenthaus mit sechs kleinen Einzimmer-Wohnungen hatte man es dann der NRD Ende 2016 zum Kauf angeboten. Nach Planungsanpassungen im Erdgeschoss – hier bestand der Wunsch nach einer rollstuhlgerechten Nutzbarkeit – konnte Ende 2017 der Kaufvertrag geschlossen werden. Von da an ging das Projekt mit großen Schritten in die Realisierung, so dass es in diesem Sommer von seinen neuen Mieterinnen bezogen werden konnte.

Dort, wo früher die Scheune war, ist Platz für einen Innenhof entstanden. Die beiden Erdgeschoss-Apartments haben zum Hof hin jeweils Terrassen, die vier Wohnungen darüber Balkons mit Blick in den Nachbargarten.

Vier der Mieterinnen im Haus haben eine Beeinträchtigung und werden von Mitarbeitenden des Betreuten Wohnens der NRD aus Reinheim und Dieburg unterstützt.

Ein Hausbesuch

Wie geht es den Damen im Haus? Ein Besuch mit Christoph Racky an einem Abend im November soll Auskunft geben. Wir sind natürlich angekündigt und Mitarbeiterin Marlene Lieb ist anwesend, um im Gespräch mit den Besuchern gegebenenfalls zu unterstützen. Das ist eine Erleichterung im Gespräch mit Caroline Tengicki, die aufgrund einer Gehör-Schädigung auch Probleme mit dem Sprechen hat. Sie versteht, was man sagt, kann aber nicht deutlich sprechen – zumindest nicht für unvertraute Ohren.

Caroline Tengicki hat in den letzten Jahren in einer WG in Ober- Ramstadt gelebt, zusammen mit Sonja Weg, die mit ihr nach Groß-Zimmern umgezogen ist. In Ober-Ramstadt hatten die beiden Frauen noch stationäre Wohnplätze mit fast täglicher Unterstützung durch Mitarbeitende. Nun sind sie im Betreuten Wohnen und werden selbstständiger. Darauf legt Caroline Tengicki ohnehin großen Wert: Was sie kann, tut sie alleine. Dazu gehörte auch in Ober-Ramstadt schon der eigenständige Weg von Zuhause in die Mühltal-Werkstatt. Sie verschmähte den Bus, der ihre Wohngenossinnen von Tür zu Tür fuhr und machte sich stattdessen zu Fuß alleine auf den Weg. Zwanzig Minuten bis zur Bushaltestelle, dann mit dem Bus weiter nach Nieder-Ramstadt.

So macht sie es auch von Groß-Zimmern aus. Deshalb ist es klar, dass sie nachmittags um 17 Uhr, wenn sie aus der Werkstatt zurückkehrt, einfach geschafft ist und nicht mehr viel mitzuteilen hat. Viermal die Woche kommen Marlene Lieb oder ihre Kollegin für zirka 90 Minuten zu ihr und schauen, was zu tun ist: ein bisschen Hausarbeit, die Post durchsehen, vielleicht einkaufen gehen. Oder Fragen beantworten, die Caroline in ihre elektronische „Schreibmaschine“ getippt hat und die auf Knopfdruck vorgelesen werden.

Zum Stammtisch ins Café Bauder

Wir schauen gegenüber bei Beate Schmiedel hinein. Sie stammt aus Groß-Zimmern und hat mit ihrem zweiten Ehemann über 20 Jahre ein Haus bewohnt. Als ihr Mann vor 3 ½ Jahren starb, zog sie in ein Wohnheim der NRD in Dieburg, ergriff aber sofort die Chance, nach Groß-Zimmern zurückzukehren, als man ihr das Projekt in der Bertha-von-Suttner-Straße vorstellte. Beate Schmiedel genießt es, wieder in ihrem Heimatort zu wohnen. Jeden Samstag geht sie ins Café Bauder direkt gegenüber: „Da kommt so eine Art Stammtisch zum Frühstück zusammen, lauter Männer. Und ich. Mein Onkel gehört auch dazu.“

Beate Schmiedel kümmert sich gern ein bisschen um Andrea Friedrich, die zwei Stockwerke höher wohnt. Beide kennen sich aus der Reha-Werkstatt der NRD in Münster, die Arbeitsplätze für Menschen mit psychischer Beeinträchtigung bereitstellt. „Mir gefällt’s hier“, sagt Beate Schmiedel, „ich mach alles selbst“. Auch die Hausgemeinschaft findet sie gut. Alle sind per Du. „Und die Gabriella ist total nett“.

Jetzt klingelt Sonja Weg und fragt: „Wo bleibt ihr denn, ich denke, ihr wollt mich besuchen!“ Also geht es nun ins 2. Obergeschoss, wo Sonja Weg sich eingerichtet hat. Auch sie ist müde vom Tag. Sie arbeitet in der Metall-Werkstatt der NRD in Mühltal und steigt morgens schon um halb sieben in den Bus. „Neulich war mein Wecker kaputt, da bin ich nachts runter auf die Straße, um zu gucken, ob der Bus kommt“. Das war um 2 Uhr nachts, sie hatte großen Stress und konnte nicht mehr schlafen. Und ihren DVD-Player kriegt sie auch nicht zum Laufen. „Mein Betreuer, der Thomas, hat es mir ja neulich gezeigt, aber jetzt weiß ich es nicht mehr“.

Gegenüber bei Andrea Friedrich ist eine Deckenlampe kaputt. Ziemlich schummriges Licht im Apartment. „Ei, was mach ich dann jetzt?“, fragt sie Christoph Racky. Und dieser erklärt: „Wir nehmen Kontakt mit Ihrem gesetzlichen Betreuer auf. Der kann einen Handwerker engagieren, der Ihnen eine Deckenlampe anbringt.“

Sich einleben braucht Zeit

Das Fazit nach diesem Rundgang: Die vier Frauen sind dabei, anzukommen. Das dauert. Sie lernen noch, Wünsche und Bedürfnisse zu äußern; sie lernen noch, Dinge selbst zu machen und Unterstützung anzufordern, wenn sie nicht zurechtkommen. Aber sie genießen es auch, in ihrer Wohnung allein zu sein und sich nach niemand anderem richten zu müssen. Aufgabe der Mitarbeitenden wird es sein, Anregungen zu mehr Gemeinschaft zu geben, einen gemeinsamen Abend im Hof anzustoßen, vielleicht den Hof ein bisschen mit Pflanzen zu gestalten. Doch nichts überstürzen. Die Veränderung ist groß und braucht Zeit. Wir schauen in einem Jahr nochmal rein und sehen, wie es geht.

„Es ist eine angenehme Atmosphäre in diesem Haus“, sagt Gabriella Krenacs. Sie stammt aus Ungarn, ist gelernte Programmiererin und hatte vor vier Jahren einen Unfall, der sie für lange Zeit außer Gefecht setzte. Sie ist dabei, ihr Deutsch zu verbessern und will dann wieder einen Job finden.

Ich verabschiede mich aus der Bertha-von-Suttner-Straße 4. Ich habe fünf von sechs Menschen angetroffen, die dort wohnen. Vier von ihnen gelten als beeinträchtigt. Alle sind beschäftigt, gehen arbeiten, lernen, kaufen ein, kommen an in Groß-Zimmern und wollen dort Zuhause sein.

Unser Bild zeigt Mieterin Sonja Weg (Foto: Marlene Broeckers).

1  Kommentar

  • Hubertus Janssen
    06.01.2019 15:37 Uhr

    Eine ganz hervorragende Idee, sie verdient vielfache Nachahmung. Mit großem Interesse habe ich diesen Bericht gelesen. Für mich ist es eine interessante Geschichte darüber, wie es möglich gemacht wurde dieses Projekt zu verwirklichen. Wo wirklich ein Wille ist, da können auch Wegen gefunden werden. Hier haben diese Frauen die Möglichkeit sich selbst ein Stück weit zu entfalten, mitzudenken, mit zu planen um ihr Leben selbst mit zu gestalten. Eine tolle und humane Leistung für Mitmenschen, die Unterstützung und, wo nötig, Begleitung bekommen. Hier wird auch 'die Würde des Menschen' gewahrt und beachtet und werden nicht einfach 'abgeschoben'.
    Für diesen Bericht danke ich dir ganz herzlich Marlene. Dir und allen, die daran mitgewirkt haben, sage ich ein herzliches Dankeschön. Ich wünsche euch allen ein gutes Neues Jahr 2019 mit möglichst viel Lebensfreude und auch persönliches Glück.
    Mit lieben Grüßen von Hubertus Janssen, Pfr. i.R.

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