Tierisch gut!

22.11.2018 | Philine Steeb

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Philine Steeb

Philine Steeb ist Online-Managerin der NRD

Tierisch gut!

Egal ob Hunde, Katzen oder Hasen – in der NRD spielen Therapie- und Haustiere eine wichtige Rolle. Sie sorgen für gute Stimmung, haben eine beruhigende Wirkung und geben den betreuten Menschen in der NRD das Gefühl, gebraucht zu werden. Wir haben Mensch und Tier in Zwingenberg und Mühltal besucht.

Ganz vorsichtig nähert sich die große, weiße Hündin Kimba Gudrun Schwarz, die im Rollstuhl sitzt. Dann lässt sich Kimba neben ihr nieder. Gudrun Schwarz kann sich nicht verbal äußern, aber man merkt, wie sehr sie sich freut, dass Kimba zu ihr gekommen ist. Langsam streckt sie ihre Hand aus und beginnt Kimba zu streicheln. Die Hündin genießt die Streicheleinheiten.

Hunde wie Kimba „arbeiten“ an vielen Stellen in der NRD. Kimba ist fast immer dabei, wenn Frauchen Nina Nicolay zur Arbeit in die Wohneinrichtung in Zwingenberg fährt. Die Heilerziehungspflegerin hat Kimba zum Therapiehund ausgebildet. Den Bewohner*innen gefällt es, wenn sie Kimba Leckerlis füttern, mit ihr spazieren gehen oder ihr Wasser auffüllen dürfen. „Die Stimmung auf der Wohngruppe ist immer etwas besser, wenn Kimba dabei ist“, hat Nicolay beobachtet. Nur eine Bewohnerin hat etwas Angst vor Kimba. Sie hat bereits schlechte Erfahrungen mit Hunden gemacht. Aber Kimba hat das verstanden und hält sich von ihr fern. Auch bei den anderen Bewohner*innen gilt: Wenn sie ihre Ruhe wollen, können sie Kimba wegschicken.

Ausbildung kostet Zeit und Geld

Kimba hört auch auf die Kommandos aller Mitarbeitenden der Wohngruppe. „Wer die Leine hat, ist der Chef“, erklärt Nicolay. Gelernt hat Kimba das in ihrer Therapiehunde-Ausbildung. Solch eine Ausbildung dauert zweieinhalb bis drei Jahre. Zunächst müssen die Hunde aber eine Begleithunde-Prüfung bestehen, bevor sie zur Ausbildung zugelassen werden. Die Therapiehunde-Ausbildung fand bei Nina Nicolay jedes zweite Wochenende statt. Zwischendurch gibt es aber auch immer wieder Pausen. Am Ende steht dann die Prüfung, bei der der Hund das Gelernte zeigen muss. Dazu gehören Grundgehorsam, ein Hindernislauf oder auch Übungen, die zeigen, dass er nicht in Panik gerät. Selbst wenn ihn jemand am Ohr zieht, darf er nicht zubeißen. Gibt es Hunderassen, die besonders als Therapiehunde geeignet sind? Nicolay ist der Überzeugung, dass es „nicht von der Rasse abhängig ist, sondern vom Charakter des Hundes.“

Neben dem praktischen Teil gibt es auch eine schriftliche Prüfung, in der die Besitzer*in unter anderem ihre Kenntnisse der Hundehaltung und Hundeerziehung unter Beweis stellen muss. Gezahlt hat Nicolay die Ausbildung – rund 3.000 Euro – damals selbst. Die NRD hat darauf geachtet, dass sie an den betreffenden Wochenenden nicht im Dienstplan stand.

In der NRD dürfen Mitarbeitende ausschließlich ausgebildete Therapietiere nur dann mitbringen, wenn die Tiere auch therapeutisch zum Einsatz kommen. Tiere wie Kimba müssen außerdem durch eine Haftpflichtversicherung abgesichert sein. Leider ist der Begriff „Therapiehund“ nicht geschützt und es gibt keine Standards in der Ausbildung. So muss man darauf achten, dass die Ausbildung zur eigenen Arbeit passt. In Schulen wird beispielsweise anders mit Therapiehunden gearbeitet als in der Behindertenhilfe.

Teamleiterin Martina Wendel mit Hugo
Teamleiterin Martina Wendel mit Hugo

Tiergestützte Therapie und Pädagogik

In der therapeutischen Arbeit mit Tieren gibt es auch andere Ausbildungsansätze, wie die „Tiergestützte Therapie und Pädagogik“. Martina Wendel, die im Bodelschwinghhaus arbeitet, hat solch eine Zusatzausbildung nebenberuflich abgeschlossen. Einmal pro Monat ist die Sozialpädagogin dafür nach Hannover gefahren und hat die Kosten von circa 5.000 Euro selbst getragen. Anders als bei der Therapiehunde-Ausbildung steht hier der Mensch im Fokus, erklärt sie. „Der Therapeut vermittelt zwischen Mensch und Tier.“ In der Ausbildung lernt man viel über verschiedene Tierrassen und die pädagogische Arbeit mit Tieren und Klienten. Für die Arbeit eignen sich unter anderem Gänse, Hühner, Schafe, Ziegen, Esel, Pferde und auch Hasen. Deshalb leben seit einiger Zeit die Langohren Heidi, Lissy, Franz und Hugo im Garten des Bodelschwinghhauses, sie alle kommen aus dem Tierheim. Besonders wichtig war Martina Wendel, dass die Hasen artgerecht gehalten werden.

Eine wichtige Voraussetzung für die Tierhaltung ist außerdem, dass die Wohnverbundsleitung damit einverstanden ist und die Kolleg*innen mitziehen. „In meinem Team musste ich erstmal ein wenig Überzeugungsarbeit leisten“, erzählt Martina Wendel, „aber dann waren auch alle ziemlich schnell mit im Boot.“ Und die Klient*innen? Die sind ohnehin von den Tieren gleich begeistert gewesen. „Gerade bei kleineren Tieren ist das eigentlich kein Problem“, sagt Wendel, „es sind meist größere Tiere wie Hunde oder Pferde, die manchmal Ängste bei Bewohner*innen auslösen.“ Aber auch mit den Hasen ist es unterschiedlich: „Manche haben einen besonderen Draht zu den Tieren“, hat Wendel festgestellt.

Das Beobachten der Hasen hat eine sehr beruhigende Wirkung auf die Bewohner*innen. Außerdem übernehmen sie Verantwortung für die Tiere: Sie füttern sie morgens und abends. Das Ausmisten erledigt ein Bewohner zusammen mit einem Mitarbeitenden. Manchmal kommen die Kinder aus der Kita gegenüber oder vom Familienunterstützenden Dienst vorbei, um die Hasen zu besuchen.

Der Traum von Martina Wendel ist es, die pädagogische Arbeit mit Tieren noch mehr auszubauen. Der Umzug in die Nieder- Beerbacherstraße 35 in Mühltal könnte die Chance sein, dass er sich erfüllt: Dort gibt es mehr Platz für Tiere. „Schafe wären gut für die Arbeit, denn die kann man auch etwas fester anpacken. Esel wären auch toll.“ Es wäre auch denkbar, bereits dort lebende Tiere wie die Kälbchen vom NRD-Landwirtschaftsbetrieb „Sonnenhof“ in die Arbeit mit einzubeziehen. Geplant ist aber noch nichts, erstmal wollen Wendel und ihre Kolleg*innen den Wechsel der Intensivgruppe in ganz neue Wohnverhältnisse gut bewältigen. Fest steht aber, dass Heidi, Lissy, Franz und Hugo natürlich mit auf den Sonnenhof ziehen, wo sie genau so viel Platz haben werden wie im Garten des Bodelschwinghhauses. 

Die Katze Lucy, hier im Bild mit Stefanie Glück-Kessler und Birgit Steiger, ist kein Therapietier. sondern Mitbewohnerin.
Die Katze Lucy, hier im Bild mit Stefanie Glück-Kessler und Birgit Steiger, ist kein Therapietier. sondern Mitbewohnerin.

Wohngruppenkatze Lucy

Im Haus Arche auf dem Zentralgelände lebt Wohngruppenkatze Lucy. Stefanie Glück-Kessler, die die Wohngruppe 4 leitet, hat sich dafür stark gemacht, dass Lucy hier wohnen kann. Aber auch sie sagt: „Es müssen alle an einem Strang ziehen, sonst funktioniert es nicht.“ Gemeinsam mit ihrem Team hatte sie deshalb damals besprochen, welches Tier sich eignen würde und wie eine artgerechte Haltung gewährleistet werden kann. „Es muss beiden gut gehen: Mensch und Tier.“

Dass es Lucy in der Wohngruppe gut gefällt, spürt man: Sie genießt die Streicheleinheiten der Bewohner*innen und hat trotzdem ihren Freiraum. Ab 17 Uhr hat sie Freigang, dann kann sie über eine Leiter nach draußen laufen. „Sie hat einen festen Rhythmus“, erklärt Glück-Kessler, „ ab 21 Uhr kommt sie wieder nach Hause.“ Wenn sie sich verspätet, reagieren die Bewohner*innen schnell besorgt und fragen bei der Nachtwache nach ihr. Sie mögen Lucy alle sehr und tragen zu ihrem Wohlbefinden bei: Sie füttern, streicheln und spielen mit ihr und wechseln das Streu im Katzenklo.

Nur eines mag Lucy gar nicht: Hunde. Auch nicht den Therapiehund Leo von Stefanie Glück-Kessler, den die Gruppenleiterin manchmal zum Spazierengehen mitbringt. Die Bewohner*innen freuen sich, wenn Leo da ist, und Lucy muss dann im Wohnzimmer bleiben. Wer bezahlt eigentlich das Futter, die Tierarztrechnungen und andere Kosten für Lucy? „Die trägt der Wohnverbund“, sagt Glück-Kessler. Auch einen Teil der Kosten der Therapiehunde-Ausbildung von Glück-Kessler hat die NRD übernommen. Dafür hat sie lange gekämpft. Aber es hat sich gelohnt, denn die Arbeit mit Tieren, so sagt sie, ist ein großer Gewinn für alle.

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  • Inklusion...

    ... finde ich sehr gut. Wenn Kinder von Anfang an zusammen sind und nicht auseinandersortiert werden, gewöhnen sich alle aneinander und können lernen, sich gegenseitig zu helfen. 

    Inklusion...
    Horst Enzmann
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