Voneinander lernen

04.10.2015 | Andreas Nink

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Andreas Nink

Leiter der Abteilung Kommunikation und Fundraising der NRD

Voneinander lernen

Seit Juli sind die letzten freien Plätze in der Wohneinheit Falterweg 3a-c in Lampertheim vergeben. Zwei Männer sind als Zweier-WG eingezogen. Die ersten Einzüge liegen bereits ein Dreivierteljahr zurück, seither ist die  Atmosphäre ist sehr familiär geworden. Team, BewohnerInnen und Eltern haben gut zueinander gefunden.

 Alle freuen sich über kleine und größere Erfolge: Etwa über den 35-Jährigen, der zuvor noch nie einen Rasierer in der Hand hatte und sich jetzt ganz selbstverständlich selbst rasiert. Oder über den Mann, von dem es hieß, er könne sich weder selbst waschen noch ankleiden. „Das funktionierte hier auf Anhieb“, sagt Teamleiterin Nina Burkhardt, „wir haben im Team gar kein großes Thema daraus gemacht, sondern als selbstverständlich vorausgesetzt, dass es funktioniert. So war es dann auch. Das Zusammensein mit den Mitbewohnern reicht vielfach aus, man lernt schnell und intensiv voneinander.“ Ein junger Mann lebte zuvor im Haus Arche in Mühltal, zusammen mit meist älteren Mitbewohnern. Unter Gleichaltrigen zu sein, tut ihm sichtlich gut. Hier in Lampertheim ist er viel entspannter und lacht häufig und viel. 

Bislang gehen nur die Wenigsten alleine in die Stadt. Sie fühlen sich noch unsicher. Nina Burkhardt und ihr Team ermuntern die Bewohner, Hobbies nachzugehen, wie Reiten, Schwimmen, Tanzen. Sie haben eigens einen Fahrdienst organisiert, um die häufigen Fahrten zu ermöglichen. Die Hobbies sind ein Schlüssel zur Inklusion, ein Weg in die Normalität. Mit einem Hobby kommen die Bewohner auch in ihrer Freizeit raus aus der Wohneinrichtung und in Kontakt mit anderen Menschen.

Ganz wichtig: Zeit für Gespräche zwischendurch
Ganz wichtig: Zeit für Gespräche zwischendurch

Bis auf Teamleiterin Nina Burkhardt sind alle Mitarbeitenden neu in der NRD. Neben der Aufgabe, sich selbst als Team zu bilden, die Bewohner kennenzulernen und ihnen das Ankommen zu ermöglichen, müssen sie sich auch in das umfangreiche NRD-Regelwerk einarbeiten.

 Fit werden in Hauswirtschaft

Hier in Lampertheim gibt es – ebenso wie in Offenbach – bewusst keine Hauswirtschafts- und Reinigungskräfte, denn es geht darum, die Hausarbeit so bewältigen zu lernen, wie es jede Familie in ihrer Wohnung tut. So hat auch jede Wohnung eine eigene Waschmaschine und jede WG kauft für sich ein. Die BetreuerInnen fahren an unterschiedlichen Tagen einmal pro Woche mit jeder WG raus, um den Wochenbedarf zu decken.

Sven Hanuschke , der alleine im Einzel-Apartment lebt, tut sich nicht leicht mit der Selbstorganisation. So wurden mit ihm permanente Einkaufslisten erarbeitet, die stabil eingeschweißt an der Pinnwand hängen. Liste 1 enthält die Grundnahrungsmittel aufgelistet, die er einmal im Monat einkauft. Auf Liste 2 steht, was wöchentlich aufgefüllt wird. Mit Hilfe dieser Listen und mit Unterstützung der Betreuer lernt Herr Hanuschke das Haushalten.

 Das Team ist jeweils zu zweit im Früh- und im Spätdienst, damit in jeder Wohnung im Falterweg ein Betreuer zugegen ist, wenn die Bewohner morgens in den Tag starten und wenn sie nachmittags von der Arbeit nach Hause kommen. Dann geht es zum Einkaufen, an die Vorbereitung des Abendessens, ans Waschen oder Saubermachen. Die BewohnerInnen wirken mit bei allen Arbeiten. Sie lernen selbstständig zu werden und ihren Tag zu strukturieren. Das setzt ungeahntes Potenzial frei – eine Erfahrung, die von allen Wohneinheiten bestätigt wird,  die das neue Betreuungskonzept leben: Man lernt voneinander und gewinnt an Sicherheit und Selbstbewußtsein.

Der pädagogische Anspruch der Arbeit ist hoch. Ziel ist, dass alle ihr Leben so normal und so selbstständig wie möglich leben können. In Lampertheim leben überwiegend junge Männer und Frauen. Unter ihnen sind keine Rollifahrer und keine schwer und mehrfach behinderten Menschen, dafür aber solche, die sozial eher auffällig sind, sozusagen „junge Wilde“.

Die Betreuer wissen, dass jedes Verhalten seinen Grund hat. Wenn jemand auffällig oder aggressiv auftritt, ist das meist eine Reaktion auf etwas, was ihm selbst widerfahren ist. Um Entwicklungs- oder Verhaltensprobleme gut begleiten zu können, strebt Team die Vernetzung zwischen den verschiedenen Bezugspersonen - Eltern,  Therapeuten, Mitarbeitenden in den Werkstätten der Behindertenhilfe Bergstraße an. Intensiver Austausch wird auch innnerhalb des Teams praktiziert, beispielswiese durch bewohnerbezogene Fortbildung: So gibt eine erfahrene Kollegin ihr Wissen zum Thema Autismus weiter, das alle im Team bei ihrer Arbeit mit dem Autisten im Wohnbereich stärkt.

Mal eben die Urlaubszeiten am Kalender abklären
Mal eben die Urlaubszeiten am Kalender abklären

Um kurz nach vier Uhr nachmittags trudeln die Bewohner nach und nach ein. Die einen fahren gleich los zum Einkaufen. Max Hollenbach kommt mit Reitstiefeln und Helm, er wird gleich zu seiner Reitstunde gebracht. Reiten macht ihm großen Spaß und er kann es auch gut. Marcel wendet sich an Nina Burkhardt. Er möchte gerne mit Z zum Reiten. Nina Burkhardt ermuntert ihn, muss ihn gleichzeitig aber auch bremsen. Denn sein Wunsch lässt sich nicht sofort erfüllen. Er muss angemeldet sein, die Eltern als die gesetzlichen Betreuer müssen zustimmen, die Kosten müssen geklärt sein. Marcel sind diese Argumente nicht fremd, aber er hat Mühe, sie zu akzeptieren.

Zwei sitzen im Hof zusammen und klären ihre Beziehung. Es geht mitunter ein wenig hin und her zwischen den Geschlechtern. Man probiert sich aus. Und jeder lernt dabei.

Inklusion braucht viele kleine Schritte

Neulich war Höfefest in Lampertheim. Natürlich nahm der Falterweg 3a-c daran teil. Alle engagierten sich, sogar die Angehörigen von Teammitgliedern, und hatten großen Spaß daran, in den zwei Innenhöfen interessante Stände aufzubauen.  Es kamen viele Lampertheimer, die vorher noch nicht dagewesen waren. Es ist ein Kennenlernen in kleinen Schritten. Zur Normalität gehört auch, dass die Nachbarn sich beschweren dürfen, wenn die „jungen Wilden“ mal wieder sehr laut sind. Und dass diese sich bemühen, auf die Nachbarn Rücksicht zu nehmen.

Inklusion benötigt viele kleine Schritte. Hier in Lampertheim werden sie Tag für Tag zurückgelegt. „Inklusion“, sagt Nina Burkhardt, „ist, wenn unsere Jungs mit den türkischen Jungs auf dem Bolzplatz zusammen Fußball spielen.“

ein Höhepunkt des Sommers ist das gemeinsame Abendessen im Hof
ein Höhepunkt des Sommers ist das gemeinsame Abendessen im Hof

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